Samstag, 10. Juni 2017

Leseprobe von Stefan Tür zu seinem Buch "ChancenPool: Die Erlebnisse des Robert Wick - überraschende Wege eines Journalisten"






Epilog



„Renato, Ihnen ist klar, wenn ich jetzt frage was Sie gar nicht wollen, dass ich es frage, kann das für Sie äußerst unangenehm sein, denn die Welt schaut zu.“



Gemurmel aus dem Kreis erwartungsvoller Zuschauer und Verunsicherung bei einigen Beobachtern hinter den Kulissen der Mitternachts-Talkshow auf der Moonlight-Etage des Hyatt, hier in Vegas.

„Verdammt, was tut er da? Was soll das werden?“

Flüstert eine junge Frau, in pechschwarz vom Scheitel bis zur Sohle, durchtrainiert für scheinbar jeden Einsatz, aus unauffällig verzerrtem Mundwinkel ihrem Ebenbild, das sich von ihr äußerlich nur dadurch unterscheidet, dass es ein Mann ist, über ihre Sprechverbindung zu. Woraufhin dieser, ihr vis-à-vis auf der anderen Seite der Bühne für das Publikum verdeckt postiert, ohne Verzögerung zurückmeldet:

„Keine Panik, erst ‘mal abwarten, was er vorhat!“

„Das werden wir gleich hören! Bleib auf der Hut und achte auf mein Zeichen. Bin gespannt, wie er sich schlägt. Ein Glück, dass es nicht sein Double ist.“

Erwidert die Stimme, die unverkennbar zu der Person des Gespanns passt, die das Sagen hat.



„Vielen Dank für die Warnung Robert. Aber nur zu, seien Sie mein Sprachrohr! Kein Friseur der Welt hätte so viele Kunden. Also rasieren Sie mich.“

Was wirklich sehr schade wäre, gibt doch der Dreitagebart Pernetta‘s Erscheinung eine lässige Note. So wie es offenbar Robert gleichfalls beliebt.

„Vor wem auch sollten Sie sich fürchten müssen, das ist wohl wahr.“

Ohne die Bequemlichkeit seiner Sitzposition eigentlich noch steigern zu können, rückt sich Pernetta dennoch zurecht, als würde etwas bevorstehen, auf das er so vorbereitet gelassener reagieren kann.

„Finden Sie es heraus Robert.“



Womit der Studiogast so relaxt wirkt, dass die für ihn Verantwortlichen wieder aufatmen können.

„Entspann dich, der Boss hat’s im Griff.“

Signalisiert ein Samurai dem anderen.

„So sollte es auch sein, aber hoffentlich täuschst du dich nicht. Der Wick ist nicht zu unterschätzen. Ich sag‘ dir, sei gefasst. Da scheint nichts ausgemacht gewesen zu sein.“

Befiehlt die Antwort unmissverständlich.



„Mr. Pernetta, stört es Sie, dass Ihr Sohn mit einer Tochter Osama bin Laden‘s befreundet ist?“



„Immer wieder verblüffend der Bursche!“

Befindet Robert‘s Boss, sein Zugpferd vor dem Team lobend, während er die Sendung im Kontrollraum der Londoner Agentur aufmerksam verfolgt. Sich dabei allerdings selber ein wenig wundert, wie sein Schützling es wagt, gleich zum Beginn des Interviews den Gast an die Schwelle des Zumutbaren zu bringen, offenbar die Gefahr in Kauf nehmend, dadurch ein vorzeitiges Ende herbeizufragen. Aber der Alte beruhigt sich in der Gewissheit, dass es eben gerade genau das ist, womit Robert beim Publikum so sympathisch ankommt und was ihn so überzeugend das Gefühl vermitteln lässt, als glaubte er selbst alles was er erzählt. Ohne natürlich dabei etwa seinen Auftrag zu vergessen.

„Wir haben unserem Jungen niemals Vorschriften gemacht. Das wäre auch zu keiner Zeit notwendig gewesen. Meine Frau und ich sind sehr stolz auf ihn. Und im Übrigen, unsere Familien pflegen schon lange die Verbindung miteinander.“

„Wie auch die Geschäfte zeigen.“

„Die Baubranche boomt allerorten. Nächste Frage Robert!“

In einem Packen von Papier umherblätternd, scheint dieser erst eine auszuwählen, als wolle er damit einen winzigen Moment Zeit schinden. Was in der Zentrale neidische Kollegen zu abfälligen Bemerkungen veranlasst: ,Das wird wohl seine erste und letzte Show gewesen sein.‘ – Wobei der große Auftritt tatsächlich nicht Robert‘s Ding ist. Eher wie sonst, schlichtweg die Wahrheit herauszufinden und, so unvorstellbar diese dann auch sein mag, aufbereitet darzubieten – wen immer es interessiert.

„Wo werden Sie das Weihnachtsfest feiern?“

„Das ist für mich jedes Jahr die Überraschung meiner Frau.“

Und der ohnehin beliebte Milliardär gewinnt mit dem Charme eines Italieners im Handumdrehen die Herzen der anwesenden Damenwelt.

„Kann ich mir auch gut vorstellen. – Wen wünschen Sie sich als nächsten Präsidenten der Vereinigten Staaten?“

„Bislang sind die Kandidaten meine Freunde, also sollen sie es unter sich ausmachen, ich muss mir keinen wünschen.“

„Haben Sie dann wenigstens ein Lieblingsgericht?“

„Unsere ‘Pasta Arrabiata‘. Die sollten Sie wirklich ‘mal probieren, Robert.“

„Komme ich gern drauf zurück. – Wenn morgen das Internet ausfallen würde …“

„Dann könnten Sie übermorgen mein Worldnet benutzen.“

„Das Sie von China aus betreiben wollen. Vielen Dank für das Angebot Mr. Pernetta. Doch ich denke, darauf würde ich besser nicht zurückgreifen.“

„Ach je Robert, immer noch voreingenommen? Blicken Sie in die Zukunft. Eines Tages werden Sie sogar froh sein über diese Möglichkeit; endlich keine lästige Werbung mehr.“

„Wir werden sehen! – Sollte der Drogenkonsum nach Ihrem Dafürhalten legalisiert werden?“

„Damit der Staat die Gewinne besteuern kann, wie bei Alkohol, Zigaretten und alledem?“

„Sehen Sie das nicht etwas zu einseitig?“

„Nicht Verbotenes ist weniger verlockend, da mag etwas dran sein. Wie für manch einen das Model im raffinierten Slip, reizvoller ist als nackt.“

„Keine Meinung ist auch eine. – Mr. Pernetta, wann wird Israel den Iran nicht mehr fürchten müssen?“

„Das haben sie niemals getan.“

„So, so! – Was lesen Sie außer Ihren Bilanzen?“

„Hin und wieder auch ‘mal gern einen Roman zur Entspannung.“

„Sieh an! Als E-Book oder gedruckt?“

„Beides. Unterwegs das eine und zu Hause auf der Terrasse Stefan Tür‘s neuesten, mit dem man auch eine lästige Mücke totschlagen kann.“

„Bitte keine Werbung, aber vielleicht taugt’s sowieso zu nichts anderem! – Was hat Ihnen der Papst dieses Jahr geraten?“

„Gerecht zu teilen.“

Die Zuschauer fühlen sich amüsiert, Gläser klingen, belustigende Anmerkungen wechseln von Tisch zu Tisch, Kellner schenken nach und auch Robert‘s Gast lässt sich bedienen.

„Das nenne ich christlich! – Und was hätten Sie sich gewünscht Mr. Pernetta, um wunschlos glücklich zu sein?“

„Woher wollen Sie wissen, dass ich das nicht bin, Robert?“

„Vielleicht die Unsterblichkeit?“

„Wenn Sie das ewige Leben meinen; sicherlich eines Tages nur eine Frage des Geldes. Genauso wie die Reise zum Mars.“

„Ach, Sie würden gern zum Mars fliegen?“

„Aber ja doch. Jetzt geht’s erst ‘mal bald zum Mond.“

„Im Ernst?“

„Begleiten Sie mich!“

„Die Einladung nehme ich an.“

„Abgemacht, aber dann werde ich es sein, der die Fragen stellt. Dann wird die Welt die Farbe ihrer Unterhosen kennen.“

„Blau!“

„Sie schummeln Robert!“

„Anders geht’s nicht!“

„Wenn Sie keine Wahrheit sagen, sind Sie das Testpaket für meine Müllentsorgung im All.“

„Droht denn unser Planet im Müll zu ersticken?“

„Na aber, und ob! Wir müssen die Verschmutzung der Luft und Weltmeere stoppen. Es ist bereits fünf nach Zwölf.“

„Höre ich da einen frischgebackenen Greenpeace?“

„Von mir aus nennen Sie es wie Sie wollen Robert, damit habe ich kein Problem. Jedenfalls habe ich zur Rettung der Menschheit Abfallbeseitigung zu einer meiner letzten Lebensaufgaben gemacht und Globalrechte für den Weltraum gesichert.“

„Das hört sich nun schon wieder eher nach einem gewaltigen Megadeal an.“

„Nicht schwer vorstellbar, dass Sie wegen Ihrer Unterstellungen von so Manchem auch gehasst werden, Robert! – Also mein Engagement bei diesem Vorhaben gilt unseren Kindern und Enkelkindern. Ich betrachte es als meine Pflicht etwas zurückzugeben. Die Erträge fließen in eine Stiftung. Ich möchte mich daran nicht bereichern.“

„Das nenne ich dann edel. – Mr. Pernetta, wenn aber ich morgen reich sein möchte, was könnten Sie mir empfehlen auf welche Aktie ich setzen sollte?“

„Das ist einfacher, als von welchen abzuraten.“

„Etwa wie von ‘Iratom‘?“

„Parker hier! Verbinden Sie mich blitzartig mit Mac Gregor! – Nein, das ist mir egal, es ist dringend, ich warte!“

Lässt sich der dem Sekretariat bestens bekannte Börsenguru nicht abwimmeln und besteht darauf, das Oberhaupt dieser Agentur, welche die Sendung produziert, persönlich sprechen zu wollen. Will er sich doch nicht vom Ausgang der Show überraschen lassen.

„Nein nein nein, da brennt uns nichts an, wenn ich es dir doch sage, verlass dich darauf Larry!“

„Aber da sitzt Renato und sie sprechen beide öffentlich über ‘Iratom‘!“

„Von Aktien hat Robert doch überhaupt gar keine Ahnung. Die Sendung hat einen völlig anderen Beweggrund, wirklich. Nicht, dass du etwa ‘Iratom‘ verkaufst Larry, die stehen vor ihrem nächsten Höhenflug.“

„Na dann, danke dir Arthur!“



Tatsächlich sind Anlass und Hintergründe allein zwei Menschen und der Macht des grenzenlosen Kapitals bekannt. Sie nutzen alles was ihnen recht ist. So auch Robert, um neben ihm, aus dem Munde eines der einflussreichsten Männer der Welt, die Menschheit das hören zu lassen, was sie hören soll. Um Zeit zu gewinnen für die große Neuordnung der Räume, ohne den so wichtigen Konsumenten, ob groß oder klein, dabei zu verunsichern.



„Woher diese Weisheit, Robert?“

„Von niemandem. Schließe ich aus den Wiener Verhandlungen über das Atomabkommen mit dem Iran, zur Beendigung der Aggressionen. Demnach zählt die Iratom-Aktie für mich halt zu den Verlierern.“

„Robert Wick, die Spürnase!“

„Nicht wahr?“

Diese Nachfrage zu beantworten ist nicht der Anlass, weshalb sich Pernetta jetzt erhebt, als wolle er zu einem Referat ansetzen. Nein, ihn bewegt vielmehr, das von Robert Aufgeworfene nach seiner Kenntnis zu ergänzen.

„In der Tat wird uns eine freie ‘Straße von Hormus‘ wieder wirtschaftsverträgliche Ölpreise, wie vor der Marter, bescheren und wir können aufatmen, von der Bedrohung durch diese fast schon unerträgliche Geißel befreit zu sein.“

„Erwarten Sie, dass dann endlich Ruhe im ‘Nahen Osten‘ eintritt?“

„Absolut! Ganz gewiss sogar!“

„Also keine neuen Terrorgruppen, keine Selbstmordkommandos und keine Angst mehr in unseren Städten vor schrecklichen Anschlägen?“

„Soweit wird es nie wieder kommen. Das können Sie mir glauben Robert, und jeder da draußen ebenso. Wenn ich das hier versichere, besteht kein Grund mehr zur Sorge.“

„Mr. Pernetta, wir glauben Ihnen!“



Und es folgt die Werbung.



„Sir, wir haben hier Mario auf Leitung zwei, er meint es eilt sehr. – Selbstverständlich Sir, ich stelle sofort durch.“

„Mac Gregor hier, was gibt’s?“

Selten so erregt, lässt der sonst eher abgeklärte Ressortchef den schon im Mantel zum Aufbruch bereiten Boss wissen, dass er einen Anrufer am Apparat hat, der sich tatsächlich überzeugend als Saddam Hussein ausgibt und beharrlich Pernetta’s Behauptungen widerspricht. Ganz im Gegenteil, sogar die Neugründung einer islamistischen Kampfgruppe voraussagt. Aus einer ehemaligen Zelle. Mit Hetzjagden auf Christen und verheerenden Vernichtungsabsichten in angeblich bisher nicht dagewesenem Ausmaß.

„Abwimmeln, irgendein Spinner! Trotzdem zurückverfolgen und nach ‘Langley‘ weitergeben, dafür sind die Amis zuständig; aber nicht vergessen, den ‘MI6‘ wenigstens zu informieren! Noch etwas? – Danke! War das ein Morgen.“

Was sich der Agenturchef allerdings nicht so recht erklären kann, ist die Merkwürdigkeit, woher der Wichtigtuer das Codewort der Abmachung des letzten Interviews mit Hussein, vor dessen Verschwinden, kennt. Wurde doch angeblich bei der Hinrichtung sogar versehentlich sein Kopf abgerissen. Oder war es womöglich einer seiner Geklonten? – Dann sollte man Robert darauf ansetzen.



Auszug

aus Kapitel 8, Seite 225 bis 230



Noch immer Hochstimmung hier in Texas bei den Republikanern über ihren haushohen Wahlsieg in Washington und kaum zu überhörendes Gelächter schnatternder Partygäste. Der Schar, die jede geeignete Gelegenheit zum Anlass nimmt, ihr Umfeld so liebend gern in eine Art Modenschau zu verwandeln. Bei welcher sie sich zu diesem Barbecue besonders auffällig den Kreationen ihrer Hüte in allen erdenklichen Variationen gewidmet haben. Und Freude über den baldigen Einzug ihres vielversprechenden Präsidenten ins ‘Weiße Haus‘. Begleitet von allseitiger Schadenfreude an die Adresse der Verliererin sowie dem Gemunkel darüber, ob es anderenfalls womöglich getrennte Schlafzimmer gegeben hätte und die Besenkammern nur von außen verschließbar gemacht worden wären. Wie auch immer, an diesem für die Jahreszeit noch herrlich lauen Nachmittag, soll eher Frohsinn das Geschehen bestimmen. – Aus dem Hintergrund verleihen Trommeln und Blasmusik eine Atmosphäre vergangener Wahlkampffestivitäten. Zu deren Ausstattung augenscheinlich niemals bunte Fähnchen fehlen dürfen, wie sie fast unzählig im seichten Lüftchen wehen. Sowie pendelnde Lampions, an gespannten Bändern. Den blauen Himmel füllen aufsteigende Ballonbündel, worüber sich die Kinder beim Herumtollen mit den Ponys freuen. Die etwas älteren von ihnen, vor allem die Jungs, lassen sich auf alles Mögliche von einer Sängerin Autogramme geben und können ihren Auftritt kaum erwarten. Eine Band stimmt bereits die Instrumente. Im Countrylook, als würden sie in dieser Verkleidung leben. Ihre Anhängerschaft fordert applaudierend den Beginn. Die von einem Baldachin überdachte Bühne ist farbenfroh mit Feldblumen geschmückt. Keine Beachtung mehr scheint die runde Tanzfläche vor dem Podest zu finden. Wo sich in vergangenen Zeiten die Tanzpärchen aufreihten, wenn ‘Sinatra‘ oder ‘Dean Martin‘ und wie sie alle heißen, das Mikrophon in die Hand nahmen. Als Highlight der Veranstaltung ist mit Eintritt der Dunkelheit ein kleines Feuerwerk zum Abschluss des Abends angesagt. – Jetzt allerdings nähern sich erst einmal die hungrigen unter den Gästen dem eigentlichen Höhepunkt. Geleitet von ihrer Nase bilden sie Schlangen vor den Grillplätzen. Mehr als ein dutzend ‘Sombreros‘ bedecken die in der Glut mit Zangen und Forken am Fleisch Beschäftigten. Andere von ihnen, gleichfalls von Kopf bis Fuß in weiß gekleidet, drehen pausenlos ein Schwein an einem Spieß über den vom triefenden Fett genährten Flammen. Stellt man sich die Männerwelt dieser Gesellschaft etwa von einem Baseballspiel aufgehalten vor und deshalb hier nicht anwesend, kommt auf jeden übrigen Gast ohne nachzuzählen mindestens ein Bediensteter der Party. Egal welches Getränk beliebt, einmal im Halbkreis gerührt, wird es sogleich zugereicht. Silke mit ihrem Cowboyhut als einzigem Pendant zur Damenschau, würde jedoch ohne die Begeisterten des Baseballsports, in der Menge recht einsam wirken. So aber gibt sie in alle Richtungen, umringt von Texanern der gestandenen Bauart, Antworten auf neugierige Fragen. Fragen an eine Deutsche mit internationalen Wurzeln. Und unterhält sich angeregt. Das Glas nicht leer werden lassend. Als Tochter eines Journalisten weiß sie ihren Standpunkt diplomatisch zu vertreten. Vielleicht eine angeborene, quasi vererbte Verhaltensgabe. Dennoch ist einiges für Silke nicht ohne Weiteres bedenkenlos zu schlucken, wenn sie um sich herum unqualifizierte Männersprüche hört wie: ,Endlich stimmt wieder die Hautfarbe!‘ oder: ,Welch ein Glück, dass es keine Frau geschafft hat!‘ – In diese sie verstörende Szene passt auch das Bild hinten neben dem kleinen Kinderkarussell. Wo sie zwar keinen Texaner, aber im offensichtlich sehr vertieften Gespräch, mit einer äußerst hübschen Frau orientalischer Herkunft, Fadil ausmacht. Selbst auf diese Entfernung viel zu eng beieinander, um bei ihr keine Eifersucht aufkommen zu lassen. Also beginnt sie entsetzt, innerlich zu kochen: ,Was ich mir bloß eingebildet habe? Nur gut, dass es die Pille gibt, bei solchen Männern! Dieser Affe! Angeber!‘ Und erinnert sich an Worte einer ihrer Kommilitoninnen, die lesbisch glücklich ist.



„Mr. Burton, darf ich Ihnen Mr. Wick vorstellen.“

„Willkommen bei uns in Texas, Robert!“

„Sehr erfreut, vielen Dank, Governor. Die allerbesten Grüße von Arthur, soll ich ausrichten.“

„Ja ja, hatten vorhin noch miteinander telefoniert. Hat sich da ziemlich ‘was aufgeladen, der alte Knabe. – Robert, ich möchte Sie mit meinem Freund Jim bekannt machen.“

„Angenehm, kennen wir uns nicht?“

„Selbstverständlich, Sie waren doch vor sieben Jahren bei mir.“

„Ach ja, jetzt erinnere ich mich. Sie hatten mir damals angeboten, dass ich Homer auch über die übliche Besuchszeit hinaus sprechen dürfte. Wie geht es Ihnen Jim?“

„Ich werde euch jetzt ‘mal allein lassen. Da wartet einer auf seine Abreibung. Jim, du weißt Bescheid, alles wie besprochen. Mr. Wick soll kein Wunsch verwehrt bleiben. – Vielleicht trinken wir nachher noch ein Gläschen zusammen und ich lerne ihre Tochter kennen. Wie ich hörte, mag sie unseren Whiskey! Wir sehen uns Robert!“

Unübersehbar, auch ohne seinen Hut, ist Jim Nelson einer der größten und stämmigsten Männer hier. Verkörpert er doch schließlich den mächtigen Gefängnisdirektor von ‘Huntsville‘. Nicht viel weniger eindrucksvoll stehen zwei weitere Staturen im Blickfeld Robert‘s auf der Veranda des Ranchhauses. Deren Frauen offenbar im Partyrausch unterwegs sind. Abgetaucht bei den anderen, um vermutlich alles, außer Kochrezepte auszutauschen. Deshalb kann die beiden auch nichts bei ihrer Beobachtung stören, wann die Steaks für sie die besten sind. Bis auf Jim.



„Robert, vor sich sehen Sie die geballte Macht des Gesetzes unseres Distriktes. Marshal Moses und Sheriff Rockney. Niemals außer Dienst.“

Das kennt Robert.

„Sehen Sie Mr. Wick“, spricht der Marshal, für Robert zweifelsfrei auch im Namen seiner besten Freunde Sheriff Rockney und Jim Nelson, „bei uns in Texas und insbesondere hier in ‘Huntsville‘ wird die Achtung vor dem Gesetz als höchstem Gut der Ordnung sehr gepflegt. Wer darin mit uns ist, dem sagen wir gern Willkommen. – Willkommen Mr. Wick!“

Robert hat natürlich einige Übung darin, sich in allen erdenklichen Lebenslagen seinem Gegenüber erwartungsgemäß darzustellen und macht auch jetzt davon Gebrauch.

„Schön hier zu sein, Gentlemen! So sollte es überall auf der Welt zugehen.“

Mit vorsichtig bedachten Gesten, die sich höchstens auf zurückhaltendes Schultertippen beschränken, bahnt der Marshal ihnen den Weg. An den mit Tellern und Besteck Wartenden vorbei. Bis die Männergruppe den anvisierten Stand der verlockenden Grilldüfte erreicht hat, an dem jeder von ihnen sich versorgt. Gut gelaunt mit seinen Lieblingsstücken. Gleich mit so vielen, wie der Teller Platz lässt. Damit man nicht zu schnell wieder für Nachschub unterwegs sein muss. Zart und saftig, loben sie den Nacken des früheren Tieres beim festen Zubiss in die mundgerecht zertrennten Teile, die sie sich prächtig schmecken lassen. Allseits zunickend, ohne etwa durch Worte ihren Schmaus zu unterbrechen. Was Robert mit einem Daumenzeichen Silke als Signal der Zufriedenheit anzeigt und sie die ihre gleichsam mit schwenkendem Hut erwidert. – Bei mehr Zigarrenrauchen als Biertrinken nähern sich die Vier über Familie, Hobby, Autos und Sport langsam dem Vertraulichen.

„Sie haben auch ein Land wie unser Texas, Robert. Wo die Polizisten Lederjacken tragen. Das macht Eindruck. Fiel mir als Sheriff gleich auf. Und alles sehr ordentlich. Ich war dort einmal vor vielen Jahren in einem September bei unserem Urgroßonkel. Der bestand unbedingt darauf‚ mit ihm in die Stadt zu fahren und ein Bierfest zu besuchen. Das war einmalig. Die Biergläser waren so groß, dass man sie am Henkel halten musste. Dazu gab’s Brezeln.“

Dass Sheriff Rockney vom Münchener Oktoberfest schwärmt, war nicht anders zu erwarten, wenn er dort gewesen ist. Hätte Robert ‘Woodstock‘ erlebt, wäre er gewiss davon begeistert. Jedem das Seine.

„Viele von uns haben ihre Vorfahren im alten Teil der Welt noch kennenlernen können. Zumindest diejenigen, die den Krieg mit seinen Grausamkeiten überlebt hatten. Der Stammbaum meiner Altvorderen wurde gesäubert. Da deckt auch nicht die Zeit den Mantel darüber.“

Robert kann die Geschichte nicht zurückkurbeln und dem Marshal lediglich sein Mitgefühl für die damaligen Gräueltaten aussprechen. Doch er lässt auch wissen, dass nicht alle im Volk Nazis waren. Im Widerstand auch ungezählt viele Deutsche zu Tode kamen. Und sein Vater, wie auch er, im Ausland geboren ist.

„Für die Befreiung von Hitler wird Deutschland Amerika ewig dankbar sein.“

„Zumindest war es wohl ein Teil der Bevölkerung, denn der übriggebliebenen Brut gelang es doch, quer durch das Land diese grässliche Mauer zu bauen.“

„Vergiss nicht Jim, sogar wieder unter den Augen unserer vielgeliebten Demokraten.“

„Aber durch uns Republikaner dann eingerissen. Manchmal ist es doch gut, wenn man jemand Mutiges zum Zertrümmern hat. Oder?“

Auf diese Frage wird natürlich keine Antwort erwartet, sonst muss Robert der Vollständigkeit halber ‘Guantanamo‘ und Etliches mehr anschneiden. Aber das ist nicht seine Baustelle und wer will hier schon Unangenehmes hören, bei diesem friedlichen Beisammensein. Deshalb möchte Robert abschließend nur noch die seinerseitige Mitwirkung am Kampf gegen das Böse zum Ausdruck bringen und dann sogleich ihr Gespräch auf das Wesentliche der Verabredung lenken.

„Meine Arbeit beschränkt sich auf das Verstehen und Verstanden werden. Die Ergebnisse transportiere ich. Meist zu Wartenden, manchmal zu Interessierten. Effizient und aus neutraler Position. Dafür bekomme ich Geld und kann meine Rechnungen bezahlen. – Nehmen Sie diesen Kim, einen Ihrer letzten Freunde. Ich verstehe ihn. Er aber uns noch nicht. Es fehlt am Zutrauen. Also muss man darüber sprechen.“

„Robert, ich sage Ihnen, Sie sind gefährlich! Sie besitzen eine intelligente Waffe.“




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