Montag, 5. Juni 2017

Leseprobe Emma Peony



Guten Morgen ihr Lieben,
ich darf heute zwei Leseproben mit euch teilen – und euch in die seltsame Welt von „Herz TV“ entführen.
Den Beginn macht „Mattscheibe & Herzflimmern“ ... <3
Etwas später gibt es dann noch eine Leseprobe zu „Alles, bloß keine Liebe“ sowie eine Verlosung von 3 eBooks – ihr dürft also gespannt sein!

KLAPPENTEXT:
In Katjas Leben läuft gerade alles prima: Sie hat eine tolle Beziehung und einen neuen Job beim Fernsehsender Herz TV. Doch dann entpuppt sich der Traumberuf als Albtraum: Nicht nur, dass ihr Talkshowprojekt floppt, weil der attraktive Fernsehpfarrer die Finger nicht von jungen Mädchen lassen kann. Sie ist außerdem von lauter Verrückten umgeben und mit einer sadistischen Chefin, einem wahnsinnigen Kontrollfreak, depressiven Kollegen und einer fiesen Kantinenmitarbeiterin gesegnet. Mit der Karriere geht es steil bergab, und wenn man sich erst mal als kompletter Loser fühlt, dann tut das der Liebe auch nicht gut …

LESEPROBE:
3. KAPITEL: START INS WELTALL
Es war mein erster Tag bei Herz TV. Stolz wie Bolle stand ich vor diesem gigantischen Hochhaus. Hier wollte ich Karriere machen. Nichts anderes. An diesem Tag, so dachte ich zumindest, standen mir alle Türen offen. Ich war fest überzeugt, alles werden zu können, was ich wollte. Auch Chefin eines Fernsehsenders. Oder Erfinderin eines der erfolgreichsten TV-Formate – das ich selbstverständlich in alle Welt weiter verkaufen und damit steinreich werden würde. Oder auch so eine Art deutsche Oprah Winfrey. Egal, was – aber irgendetwas Großes. Und an diesem Tag hatte ich die Macht dazu, die Energie.
Als ich diesen hell marmorstrahlenden, edlen Empfangsbereich betrat, in dem jeder, wirklich jeder, automatisch wichtig, mächtig und sexy aussah, war ich nicht nur eine einfache Fernsehredakteurin, in diesem Moment war ich viel, viel mehr. Fast alles. All diese Möglichkeiten, all diese Chancen ... Aber manchmal genügt das leider nicht, denn da kommt nun mal einfach das Leben dazwischen. Oder auch eine ganze Menge Irrer. Aber ich greife vor.
Bereits mein erstes Erlebnis mit den Damen am Empfang hätte mir zu denken geben sollen. Klar, so ein TV-Sender, da darf man nicht einfach so rein oder raus – da könnte ja jeder kommen, da muss man schon aufpassen! Die Welt ist ja randvoll mit lauter Verrückten. Die besagten beiden Damen saßen hinter einer Art Theke, beide blond, streng gekleidet in blauen Anzug-Uniformen, verbunden durch eine künstliche, fast schon erschreckende Ähnlichkeit. Sie hatten die Macht per Druck aufs Knöpfchen, die Schranke oder wahlweise die Drehtür für den legalen, erlauchten Kreis zu öffnen. So stand ich erwartungsvoll vor der Theke. Ich lächelte, suchte Augenkontakt und war vorbereitet, einen glänzenden ersten Eindruck zu hinterlassen. Auch bei den Damen vom Empfang. Man soll ja immer zu allen nett sein. Aber ich vermute, sie hatten ein sehr spannendes Wochenende hinter sich – dementsprechend konzentriert plauderten sie miteinander. Was für mich bedeutete: Sie schauten mich nicht einmal mit dem Arsch an.
„Und ich sag dir, ich hab sicherlich wieder zugenommen, so wie wir geschlemmt haben.“
„Ach komm, du kannst doch ein paar Gramm mehr sicherlich vertragen. Das steht dir.“
„Wie, du meinst, man sieht das???“
Die kritische Situation und die damit verbundene Denkpause war meine Chance, mich bemerkbar zu machen. Wenigstens eine der beiden Damen sollte mir aufgrund meines perfekten Timings dankbar sein. Fand ich. Räusper.
„Nur an den richtigen Stellen ...“ Und damit warf Jacqueline – so stand es zumindest auf ihrem Namensschild – einen anerkennenden Blick auf Silkes Ausschnitt. Der zugegebenermaßen recht ansehnlich war.
Silke grinste zufrieden: „Ja, das hat der Herr Kunz vom Sicherheitsdienst heute auch schon bemerkt. Der konnte gar nicht mehr aufhören, zu glotzen ...“
Weil man ja am ersten Tag ungern zu spät kommt, versuchte ich meinen Zustand der Unsichtbarkeit mit Gewalt zu ändern.
„Entschuldigung?“
Silke und Jacqueline verdrehten wie auf Kommando gleichzeitig genervt die Augen und drehten mir ihre Köpfe in Zeitlupentempo zu. Einen störenden Eiterpickel hätten sie auch nicht anders angeschaut. In kürzester Zeit schafften sie es, mir ein schlechtes Gewissen zu machen. Mein Körper schrumpfte um gute zehn Zentimeter.
„Entschuldigung“, sagte ich leise mit einer kleinen demütigen Geste.
„Ja?“
„Ich habe hier heute meinen ersten Arbeitstag. Katja Groß. Ich soll im Bereich Programm anfangen.“ Ich war zumindest halbwegs selbstbewusst (unter Umständen zum letzten Mal in meinem Leben). Die Menschen in diesem Hochhaus warteten auf MICH. Ich wollte ihr Leben verändern, besser machen. Ich war, nein, falsch, ganz falsch, ich FÜHLTE mich wichtig. Ich gehörte hierher. Und das wollte ich den beiden Mädels hier gleich von Anfang an klarmachen.
„Ausweis?“, forderte Jacqueline mit völlig unbewegtem Gesichtsausdruck. Sie schaute mir direkt in die Augen. Auf eine Art, die in anderen Kulturen durchaus als Provokation hätte durchgehen können. Ich möchte an dieser Stelle keine Stasi-Vergleiche ziehen, aber doch darauf hinweisen, dass ich in öffentlichen Verkehrsmitteln jedes Mal beinahe einen Herzinfarkt bekomme, wenn jemand „Fahrkartenkontrolle!“ ruft. Auch dann, wenn ich ordentlich bezahlt habe.
Also durchsuchte ich mit zittrigen Händen meine Handtasche. Ohne den geringsten Schimmer, wann ich das letzte Mal meinen Ausweis benutzt hatte.
„Dauert's noch länger?“, erkundigte sich Silke nach zehn Minuten genervt. Ich war gerade dabei, den Inhalt der Tasche mitten im Foyer vor dem Empfang auf den Boden zu kippen. Es ist doch immer wieder erstaunlich, wie viel in diese großen, superschicken Handtaschen passt. Mir begegneten Utensilien, die ich schon seit Jahren nicht mehr in den Händen gehalten hatte. Natürlich zählte mein Ausweis nicht dazu.
„Nein, ich finde ihn sicherlich gleich.“
„Wäre praktisch ...“, zischelte Jacqueline. Mittlerweile war es schon Punkt neun Uhr. Arbeitsbeginn. Panik stieg in mir auf. „Hören Sie, ich habe meinen Ausweis offensichtlich nicht dabei. Können Sie nicht einfach in der Personalabteilung anrufen – die wissen doch, dass ich heute anfange. Die können Ihnen das bestätigen. Ich bin etwas in Eile.“
Die beiden nickten, sehr synchron und noch langsamer als zuvor. In Zeitlupentempo (es ist mir bis heute nicht klar, ob die beiden wirklich so langsam waren oder ob es mir nur so erschien) holte Silke eine Telefonliste hervor. In der Zwischenzeit lief mir der Schweiß nur so den Rücken herunter, ich hörte vor lauter Stress mein Blut in den Ohren rauschen. Tatsächlich war es bereits zehn nach neun. Ich war schon zu spät!! Gar nicht gut gar nicht gut gar nicht gut.
„Entschuldigung ... Ich bin leider schon etwas zu spät dran ... Vielleicht könnten wir das hier ... ein bisschen beschleunigen?“, fragte ich so vorsichtig wie nur irgendwie möglich. Es sollte sich trotzdem als ein Fehler erweisen.
„Haben wir unseren Ausweis vergessen oder Sie?“, erkundigte sich Silke bei mir. Es war offensichtlich, dass sie keine Antwort erwartete. Ich versuchte es mit einem entschuldigenden Lächeln und einer unterwürfigen Haltung. Wirklich, so devot, wie man auf zwei Beinen nur irgendwie sein kann, ohne die Balance zu verlieren. Aber es war zu spät. Die beiden starrten mich unverhohlen abschätzig an.
„Tut mir leid“, setzte ich noch drauf. Aber es änderte auch nichts mehr an meiner Situation. Silke studierte die Telefonliste eine halbe Ewigkeit lang – gefühlt sicherlich 30 Minuten. Zwischendurch hatte ich schon die Befürchtung, sie könnte mittlerweile auch mit offenen Augen eingeschlafen sein. Soll's ja geben. Bis sie schließlich doch zum Telefon griff, pro Minute eine Taste drückte und schließlich jemand am anderen Ende abnahm. Silke nickte, schrieb etwas auf einen Zettel, den sie mir in die Hand drückte: „Da müssen Sie hin“ und winkte dann gnädig Richtung Eingang. „Durch die Drehtür, bitte.“
Ihr seltsamer Unterton hätte mich stutzig machen sollen. Ich nahm Tempo auf, hatte mit diesen blöden Hühnern schon viel zu viel Zeit vertan und wollte jetzt nur noch schnell an Ort und Stelle gelangen – also ich im flotten Stechschritt Richtung Drehtür ... BONG.
„Hups, da hatte ich wohl noch nicht auf den Knopf gedrückt“, frotzelte Silke. „Das tut mir aber leid ... Jetzt aber!“
Ich musste mich kurz schütteln, mir an die Nase fassen. Alles noch da. Tat auch nur ein bisschen weh. War nicht schlimm. Und dass mir jetzt die Tränen in die Augen traten, das kam von der Nase, das hatte mit Heulen überhaupt gar nichts zu tun.
„Bitte gehen Sie jetzt durch das Drehkreuz, Frau Groß. Sie halten sonst den ganzen Besucherverkehr auf.“
Tatsächlich hatte sich hinter mir schon eine Schlange gebildet. Eine sehr ... belustigte Schlange. Und weil ich nicht noch mehr auffallen wollte (und vor allem einfach weg vom Ort meiner Peinlichkeit), ging ich – vorsichtig – durch die Drehtür. Aber nicht ohne Silke und Jacqueline zu verfluchen. Sollte ich jemals Sender-Chefin werden, was ja mein erklärtes Ziel war, dann würde ich die beiden Schlampen als Allererstes feuern. Die würden noch sehen ...
Nächstes Ziel: Ich sollte mich zuerst im Büro von Herrn Leitz melden, seines Zeichens Verwaltungs- und Personalchef. Doch der Hindernislauf vorbei an Skylla und Charibdis sollte nur der Anfang einer langen Kette von Demütigungen sein. Es folgte ein Orientierungslauf durch kilometerlange Gänge. Was vermutlich auf einer letzten Gemeinheit von Skylla beruhte – einmal achter Stock statt fünfzehnter, einmal rechts statt links stand auf der Wegbeschreibung, die sie mir am Empfang in die Hand gedrückt hatte – und schon war ich irgendwo komplett verloren in einem zwanzigstöckigen Hochhaus und nah am Rande eines Nervenzusammenbruchs.


Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen