Donnerstag, 4. Mai 2017

Leseprobe von Patrick Schnalzer zu seinem Buch "Die Unwahrscheinlichkeit des Thomas Morgan"



Und hier noch der zweite Roman, den ich präsentieren darf: "Die Unwahrscheinlichkeit des Thomas Morgan"
Wenn ich ehrlich bin, handelt es sich hierbei fast um den heimlichen Liebling meiner bisherigen Bücher.

Klappentext:
Das Leben von Thomas Morgan war von Anfang an sehr unwahrscheinlich.
Gezeugt und geboren wird er im Tower of London vor den britischen Kronjuwelen. Doch das ist nur der Beginn eines Lebens voller kurioser Ereignisse und Begegnungen, denn er befindet sich von Kindheit an im Konflikt zwischen seiner beeindruckenden Intelligenz und seiner ebenso bemerkenswerten Tollpatschigkeit. Eine brisante Mischung, die ihn in Folge auch als Erwachsener in allerlei missliche Lagen bringt.
Eine besondere Geschichte mit viel Humor, Spannung und der ganz eigenen Sicht auf die Welt von Thomas Morgan.

Leseprobe:
Kapitel 1
Zeugung, Geburt und erste Worte
Mein Leben war von Anfang an sehr unwahrscheinlich.
Das soll nichts anderes bedeuten, als dass die Umstände meiner Zeugung, meiner Geburt und aller Dinge, die darauf folgten, im Grunde gar nicht hätten passieren dürfen. Die Unwahrscheinlichkeit begann bereits damit, dass sich jenes Spermium, aus dem ich entstand, gegenüber etwa einhunderttausend Mitstreiter durchsetzte. Wie dieser Wettstreit genau aussah, vermag ich natürlich nicht zu sagen, aus diesem Grund werde ich auch keine detaillierte Beschreibung des Moments geben, in dem besagtes Spermium meines Vaters in die Eizelle meiner Mutter eindrang. Es gibt wohl niemanden, der sich an die Sekunde der Befruchtung erinnern kann, das wäre dann doch sehr weit hergeholt.
Meine ersten Erinnerungen stammen daher auch erst aus der Zeit, die einige Wochen später anzusetzen ist, als ich damit begann, meine zwar warme, aber dennoch beengende Umgebung wahrzunehmen.
Die Zeit als Embryo war nach anfänglicher Aufregung von monotonem Alltag und somit von Langeweile geprägt. Mir wurde schnell klar, dass ich unter meinen damaligen Umständen als unfertiger Mensch die wichtigen Fragen des Lebens nicht beantworten konnte. Natürlich interessierte es mich brennend, woher ich kam, wer ich war und welchen Sinn mein Dasein hatte, aber ich übte mich in Geduld und nutzte die Zeit, um zu einem stattlichen Fötus heranzuwachsen.
Als akustische Unterhaltung diente mir einerseits der allgegenwärtige Herzschlag meiner Mutter, andererseits auch ihre Stimme, die ich jedoch nur als dumpfe Abfolge von Lauten wahrnahm. Visuell waren die Einschränkungen noch größer, denn es dauerte lange, bis ich meine Augen überhaupt als Sinnesorgan entdeckte, und selbst dann kam ich nicht über die banale Unterscheidung von hell und dunkel hinaus. Unter diesen Umständen lernte ich schon früh, was ich auch später im Verlauf meines Lebens noch öfter, wenn auch nicht mehr auf diese extreme Weise erkennen musste: Selbst wenn mein Geist dem eines gewöhnlichen Menschen weit überlegen war, so musste ich doch immer auch mit den körperlichen Einschränkungen zurechtkommen, die der Spezies Homo Sapiens eigen ist.
Sobald meine Arme und Beine entsprechend herangewachsen waren, benutzte ich diese Gliedmaßen, um meinem Frust über besagte Restriktionen zumindest ein wenig Ausdruck zu verleihen. Dass meine Mutter über diese akrobatischen Einlagen in ihrem Uterus nicht besonders erfreut war, kann ich im Nachhinein gut nachvollziehen. In meiner Situation war es mir jedoch herzlich egal, was meine Tätigkeit für die Frau um mich herum bedeutete, immerhin hatte ich sie zu jenem Zeitpunkt noch nicht einmal von Angesicht zu Angesicht kennengelernt. Und so ließ ich meinem Unmut über Wochen hinweg freien Lauf.
Insofern war es mit Sicherheit für uns beide eine große Erleichterung, als der unvermeidliche Tag meiner Geburt kam. Da ich mich in den vergangenen Monaten mit meiner Umgebung vertraut gemacht hatte, wusste ich wahrscheinlich sogar noch vor meiner Mutter zweifelsfrei, dass an diesem vierundzwanzigsten Juni neunzehnhundertfünfzig – das Datum erfuhr ich erst später – etwas anders war. Mir kam es so vor, als würde ich von einer unbekannten Macht in eine Richtung gezogen werden, während ich von der anderen Seite von meiner bisherigen Position weggedrückt wurde. Ein ungutes Gefühl überkam mich, nicht zuletzt aus dem Grund, da ich nicht wusste, wohin die Reise ging. Mir war klar, dass nichts anderes als eine räumliche Veränderung bevorstehen konnte, und ich war mir sogar ziemlich sicher, dass es sich um einen permanenten Umzug handelte. So sehr mich meine bisherige Beengtheit auch geärgert hatte, so wiegte ich mich hier drinnen dennoch in Sicherheit. Ob das auch auf der anderen Seite der Fall sein würde, das war die große Frage.
Man kann mir somit bestimmt glauben, dass ich dem Geburtsvorgang in seiner Gesamtheit etwas kritisch gegenüberstand, doch einmal mehr musste ich in meinem jungen Leben zur Kenntnis nehmen, dass ich auf einige Dinge keinen Einfluss hatte. Jeglicher Protest verpuffte durch meine Unfähigkeit, diesen in irgendeiner Form kundzutun, und so trat ich meine erste Reise an, die mich durch den Geburtskanal meiner Mutter führte.
Selbst wenn ich großen Wert auf Details lege, so werde ich den exakten Vorgang, wie ich aus der Vagina meiner Mutter gepresst wurde, nicht näher beschreiben. Zum einen sollte entsprechendes Prozedere den meisten Menschen aufgrund eigener Erfahrung geläufig sein, zum anderen scheint es mir bedeutend wichtiger, auf die äußeren Umstände meiner Geburt hinzuweisen. Um diese näher zu verstehen, ist es allerdings notwendig, noch einmal einen Schritt zurückzugehen, genau genommen zu jenem Tag, an dem ich etwa neun Monate zuvor gezeugt worden war.
Wie bereits erläutert, kann ich mich persönlich nicht an den unmittelbaren Augenblick meiner Entstehung erinnern, deshalb muss ich hierbei auf Informationen zurückgreifen, die ich nicht zu einhundert Prozent bestätigen kann. Allerdings haben mir meine Mutter und mein Vater getrennt voneinander eine nahezu idente Version dieser Begebenheit geschildert, sodass ich davon ausgehen kann, die Fakten zu kennen.
Alles begann damit, dass meine Mutter, eine gebürtige Liverpoolerin, zu Besuch bei Bekannten in London war. Als lebenshungrige, junge Frau von fünfundzwanzig Jahren ließ sie es sich bei dieser Gelegenheit nicht nehmen, die britische Hauptstadt auf eigene Faust zu erkunden. Die Spuren des Krieges waren zu diesem Zeitpunkt zwar noch nicht gänzlich verschwunden, dennoch erstrahlte London bereits wieder im Glanz alter Tage, zumindest in den Augen einer Frau, die außer den Liverpooler Arbeitervierteln noch kaum etwas von der Welt zu Gesicht bekommen hatte.
Große Faszination übte vor allem der Tower auf sie aus, was jedoch nicht direkt mit der imposanten Festungsanlage zu tun hatte, die im Laufe der Jahrhunderte mehr als einmal Schauplatz bedeutender, geschichtlicher Ereignisse gewesen war. Nicht etwa die Tatsache, dass Heinrich VIII innerhalb dieser Mauern in Ungnade gefallene Ehefrauen enthaupten ließ oder andere historische Begebenheiten waren der Grund dafür, warum meine Mutter an drei aufeinanderfolgenden Tagen den Tower besuchte. Ihre wahren Beweggründe waren ganz anderer und offen gesagt banalerer Natur: Sie hatte sich in einen der Yeoman Warders verguckt.
Die korrekte Bezeichnung der Ordnungstruppe lautet im Übrigen Yeoman Warders of Her Majesty’s Royal Palace and Fortress the Tower of London, doch weder dem ansässigen Volk und schon gar nicht den zahlreichen Touristen ist diese elendslange Aneinanderreihung von Wörtern ein Begriff. Gemeinhin sind die Herren in ihren viktorianischen Uniformen als Beefeaters bekannt, was zugegebenermaßen nicht besonders schmeichelhaft klingt, aber nun einmal der Realität entspricht. Ursprünglich als eine Leibwache für englische Könige gegründet, haben diese Herren im Laufe der Jahrhunderte gänzlich andere Aufgaben übernommen, sodass sie nunmehr in erster Linie die Funktion von Touristenführern in einer etwas lächerlich anmutenden Garderobe einnehmen.
Einer dieser Beefeaters musste trotz dieser Kleidung – oder vielleicht sogar gerade wegen dieser – die Aufmerksamkeit meiner Mutter auf sich gezogen haben, denn nach anfänglichem Austausch von Blicken kam es zunächst zu unverfänglichen Unterhaltungen, die wohl mit der Zeit doch an Intensität zugenommen haben mussten. Nicht anders ist es zu erklären, dass meine Mutter eben – wie gesagt – an drei Tagen hintereinander den Tower aufgesucht hatte, um mit diesem Beefeater zu plaudern. Wobei hierbei spezifiziert werden muss, dass das dritte Mal eher während der Nachtstunden passierte und von allzu viel Plauderei konnte auch keine Rede sein, da sich die beiden bei diesem Zusammensein vielmehr auf den Austausch körperlicher Flüssigkeiten konzentrierten.
Es ist mir nach wie vor ein Rätsel, wie mein Vater – der nun einmal nicht zu den hellsten Köpfen des Vereinigten Königreichs zählte – es schaffte, meine Mutter zu so später Stunde in den Tower zu schleusen, um ihr eine ganz private Führung zu den Kronjuwelen zu ermöglichen. Hier sieht man wieder einmal, dass der männliche Sexualtrieb stärker ist als jede andere Macht auf dieser Erde, und er selbst einfach gestrickte Männer Dinge erreichen lässt, die sie unter anderen Umständen niemals bewältigen könnten. Die Anstrengungen meines Vaters wurden zu seiner größten Freude schließlich auch belohnt und kurz nachdem er meiner Mutter die englischen Kronjuwelen präsentiert hatte, packte er seine eigenen Familienjuwelen aus.
An diesem Punkt unterscheiden sich die Berichterstattungen meiner Eltern ein einziges Mal, denn während mein Vater den folgenden Koitus als zeitintensives Liebesspiel beschrieb, benutzte meine Mutter die Worte: »Nach einem kurzen Rein und Raus war die Sache erledigt.« Die unterschiedliche Wahrnehmung des sexuellen Interkurses schätze ich jedoch als nicht unüblichen Streitpunkt zwischen Mann und Frau ein, weshalb dieser Abweichung keine nähere Beachtung zu schenken ist. Tatsache ist hingegen, dass ich in dieser Nacht gezeugt wurde, und zwar vollkommen unabhängig von der Dauer des Beischlafs. Von den Konsequenzen dieses Intermezzos ahnten meine Eltern zu diesem Zeitpunkt freilich noch nichts.
Ein erster Verdacht meiner Mutter ließ jedoch nicht lange auf sich warten, denn als sie sich wieder in Liverpool befand und ihre Zeit des Monats gekommen war, brauchte sie nur eins und eins zusammenzuzählen. Allerdings hoffte sie inständig, dass diese Rechnung nicht aufgehen würde.
Tatsächlich hatte sie bald mehrere Dutzend Gründe bei der Hand, die plausibel erklärten, warum die Blutung dieses Mal nicht einsetzte, und so versicherte sie sich auch die kommenden Wochen selbst, dass alles in bester Ordnung war. Vier Monate und eine von weitem erkennbare Wölbung des Bauches später musste allerdings auch sie endlich anerkennen, dass sie schwanger war. Als sie es ihren Eltern beichtete, warfen sich diese gegenseitig vielsagende Blicke zu, woraufhin mein Großvater sagte: »Das ist uns auch schon aufgefallen.«
»Ach, wirklich?«, fragte meine Mutter vorsichtig.
»Natürlich«, meinte Großvater, »immerhin bist du in den letzten Monaten ganz schön in die Breite gegangen.«
»Joseph«, mahnte Großmutter kaum hörbar, doch ihr Mann hatte über die Jahre ein sensibles Ohr für die Stimme seiner Gemahlin bekommen.
»Was?«, wollte er wissen, doch im selben Moment erkannte er, dass seine Frau wohl etwas unglücklich über die Worte war, die er seiner Tochter gegenüber gewählt hatte. »Ich meine ja nur, dass sie ordentlich zugelegt hat. Es ist doch nichts Schlimmes, wenn man trächtig ist.«
Ob er mit der letzten Bemerkung nun wirklich alles besser gemacht hatte, das sei dahingestellt, auf jeden Fall war das Thema damit erledigt und wurde nicht weiter diskutiert.
Meine Großeltern mütterlicherseits waren ihr Leben lang nicht dafür bekannt gewesen, dass sie die Welt um sich herum zerredet hätten, was meiner Ansicht nach eine sehr löbliche Eigenschaft ist, welche sich auch viele andere Menschen zu Herzen nehmen sollten. Aus diesem Grund wurde auch um die Schwangerschaft meiner Mutter kein großes Theater gemacht, denn auch wenn eine unverheiratete, schwangere Frau nicht das gesellschaftliche Idealbild darstellte, so waren derartige Umstände dennoch alles andere als unüblich. Während meine Großeltern diesbezüglich also keinen Druck auf meine Mutter ausübten, so wollte diese sich mit der Situation dennoch nicht einfach abfinden und plante, ein weiteres Mal nach London zu reisen, um jenen Beefeater aufzusuchen, der eine Teilschuld an dieser Misere hatte. Allein der Mut zu dieser Unternehmung fehlte ihr.
Erst als hochschwangere Frau konnte sie sich dazu überwinden, ein Ticket zu kaufen und tatsächlich mit dem Zug in Richtung Süden zu fahren. Vom Bahnhof aus führte sie ihr Weg direkt zum Tower, wobei sie lange zögerte, das Gelände auch wirklich zu betreten. Kurz vor Sperrstunde gab sie sich schlussendlich den entscheidenden Ruck, wobei sie nun gegen den Strom an Besuchern ankämpfen musste, der ihr entgegenkam. Umso leichter fand sie später in der anbrechenden Dämmerung auf dem jetzt nahezu leeren Gelände den Beefeater, den sie suchte. Es bedarf keiner besonders großen Vorstellungskraft, um sich das Gesicht meines Vaters auszumalen, der nun seinerseits jene Frau mit kugelrundem Bauch vor sich sah, mit der er neun Monate zuvor eine leidenschaftliche Nacht verbracht hatte.
Und da spielte es überhaupt keine Rolle, wie lang oder kurz dieser sexuelle Akt wirklich gewesen sein mochte. Das Resultat war das einzig Entscheidende.
»Bloody Hell!«, war das Erste, das ihm bei diesem Anblick entfuhr.
Sofort nahm er meine Mutter bei der Hand und führte sie neuerlich zu den Kronjuwelen, wobei er die letzten Besucher vertrieb und hinter diesen die Tür schloss. Das folgende Gespräch meiner Eltern hatte nur bedingten Streitcharakter, denn es wurde zwar intensiv geführt, dennoch gab es keine Uneinigkeit zwischen den beiden. Tatsächlich war es so, dass sie mit der Situation ganz einfach überfordert waren und nicht wussten, wie sie damit umgehen sollten. Es mag dann wohl auch an der allgemeinen Aufregung gelegen haben, dass die Fruchtblase meiner Mutter platzte, und zwar direkt an jener Stelle, an der ich zufälligerweise auch gezeugt worden war. An diesem Punkt komme ich somit wieder auf meine Geburt zu sprechen, die mich persönlich wohl am meisten von allen Beteiligten mitgenommen hat.
Da ich nach anfänglicher Verwirrung mitbekommen hatte, dass für mich kein Zurückbleiben in der gewohnten Umgebung zur Debatte stand, hatte ich mich meinem Schicksal ergeben und tat jetzt sogar mein Bestes, um den unausweichlichen Vorgang voranzutreiben. Hätte ich gewusst, dass meine Eltern dadurch in arge Bedrängnis kamen, hätte ich meine Geburt wahrscheinlich meinen Möglichkeiten entsprechend hinausgezögert, so aber blieb ihnen keine Zeit mehr, ein Krankenhaus aufzusuchen. Stattdessen musste meine Mutter sich auf ihre evolutionären Grundinstinkte berufen und mein Vater rief sich seine Jugendzeit in Erinnerung, die er auf dem Bauernhof seiner Großeltern verbracht hatte. Dort war er das eine oder andere Mal dabei gewesen, wenn Schweine oder Kühe ihre Jungen zur Welt gebracht hatten, und er redete sich ein, dass es mit einem Menschenkind nicht viel anders vonstatten gehen konnte.
Man muss den beiden zugutehalten, dass sie im Endeffekt ihr Bestes getan haben, und auch wenn ich persönlich keine Vergleichsmöglichkeiten habe, so kann ich doch sagen, dass meine Geburt schlussendlich ganz ordentlich verlief. Natürlich preschte mir eine ungewohnte Kälte entgegen, als ich aus dem mollig-warmen Körper meiner Mutter gezogen wurde, und das Aussehen meines Vaters erschreckte mich im ersten Moment so sehr, dass ich wie wild zu schreien begann, aber im Nachhinein betrachtet, handelte es sich dabei in diesem Zusammenhang um nicht unübliche Vorgänge. Zudem kann ich mit Stolz behaupten, dass ich zu einem durchaus überschaubaren Kreis jener Erdenbürger gehöre, die im Tower of London das Licht der Welt erblickten.
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Liebe Grüße und euch allen noch einen schönen Abend,
Patrick

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