Donnerstag, 4. Mai 2017

Leseprobe von Nicole Beisel zu ihrem Buch "Ein Bild für alle Ewigkeit"



Die zweite Leseprobe ist aus meinem Roman "Ein Bild für alle Ewigkeit"; ein Roman, der von der Liebe und die unvergessenen Erinnerungen daran handelt.

Welch unglaubliche Überraschung nach all den Jahren auf Erin und Jonathan wartet, erfahrt ihr u. a. hier:
https://www.amazon.de/Ein-Bild-f%C3%BCr-…/…/ref=pd_ecc_rvi_3
Zum Glück ist es nur ein Ärmel, der nach einem Moment meiner Unachtsamkeit ruiniert ist. Nachdem ich alles gesäubert, desinfiziert und mir ein Pflaster umgemacht habe, setze ich mich an ein neues Stück Stoff. Diesmal bin ich vorsichtiger, und schon nach wenigen Stunden Arbeit habe ich die gewünschte Bluse einer Kundin fertig. Die Abholung ist zwar erst für morgen geplant, doch ich bin froh, diesen Auftrag abhaken zu können, auch wenn das bedeutet, dass ich mich nun dem Kleid widmen werde, das Mrs. McGovern in Auftrag gegeben hat.
Beim Gedanken an diesen Namen wird mir schwindelig. Ich will noch immer nicht an einen Zufall glauben, obwohl es doch das Naheliegendste ist. Diesen Nachnamen gibt es hier wirklich nicht selten und ich gehe davon aus, dass Jonathans Familie jeglichen Kontakt zu Crumlin endgültig abgebrochen hat. Ich kann mir auch nicht vorstellen, dass Jonathan jemals hierher zurückgekehrt wäre, ohne nach mir zu suchen. Auf manch einen mag meine Einstellung eingebildet wirken, doch Jonathan hat mich von Herzen geliebt und ich bin mir sicher: Hätte er die Möglichkeit einer Rückkehr wahrgenommen, hätte er wenigstens versucht sich zu entschuldigen und seinen Fortgang zu erklären, auch auf die Gefahr hin, dass ich davon gar nichts wissen will.
Doch ich will es wissen, auch heute noch. Ich will wissen, warum er nicht wenigstens mit mir gesprochen hat. Warum er mich einfach so, ohne ein Wort quasi über Nacht verlassen hat. Warum er sich nicht gemeldet hat, als er schon fort war. Er hätte einen Brief schreiben können, er wusste, wo ich arbeitete. Seine Eltern hätten ihm die Adresse der Schneiderei nennen können. Ein Brief hätte mich problemlos erreicht. Auch wenn es nur ein Blatt Papier gewesen wäre, so wäre es ein Beweis gewesen, dass ich noch immer Teil von Jonathans Leben war. Doch er hatte mich – genau wie Crumlin – einfach hinter sich gelassen.
So viele Fragen sind bis heute offengeblieben und ich bin mir sicher, dass sich hieran nichts mehr ändern wird, solange ich noch am Leben bin. Jonathan wird das große Geheimnis mit ins Grab nehmen, und ich kann nichts dagegen tun. Wie meine Mutter sagte, werde ich die Erinnerungen an ihn tief im Herzen behalten.
Und diese Erinnerungen rufe ich mir immer wieder auf, lasse sie abspielen wie einen Lieblingsfilm, durchlebe alles noch einmal, jeden einzelnen Augenblick, immer und immer wieder.
Wie auch am heutigen Abend. Die Tage werden langsam kürzer und die Luft wird frisch. Dennoch genieße ich die Abende auf der hellen Terrasse meines kleinen Häuschens mit Blick auf die Küste Antrims. Mit einer weichen Wolldecke und einer Tasse Kräutertee mache ich es mir gemütlich und schwelge in alten Zeiten. Der heutige Tag hat mich einerseits sehr aufgewühlt, andererseits bin ich dankbar dafür, den vergangenen Augenblicken noch einmal so nah gewesen sein zu dürfen. Noch einmal all die Orte zu betreten, hat mich meinen Erinnerungen ein Stück näher gebracht und ihnen frischen Wind verliehen, so kommt es mir vor. Alles war da: die Schule, die Kirche, sogar das alte Haus, in dem Jonathan einst zuhause war, obwohl ich ihm an diesem Ort nie begegnet bin. Ich weiß nicht, warum er mich nie zu sich nach Hause eingeladen hat, aber schließlich habe ich das auch nicht getan. Wir waren lieber für uns und haben die wenigen Minuten des Abends stets in trauter Zweisamkeit genossen.
Während ich auf die Wellen hinausschaue, denke ich an einen ganz besonderen Abend zurück. Jonathan wartete wie immer vor der Schneiderei auf mich und lächelte mich an, noch bevor ich die letzte Stufe hinuntergestiegen war. Sein Blick war voller Vorfreude gewesen und hat mich neugierig gemacht.
„Was hast du heute vor?“, hatte ich ihn gefragt. Jonathan nahm meine Hand und lächelte geheimnisvoll.
„Komm mit, ich möchte dir etwas zeigen.“ Wir liefen eine ganze Strecke durch die Stadt hindurch, bis wir schließlich an seinem Ziel ankamen. Vor einem großen Gebäude blieb er stehen und schaute noch immer lächelnd empor, obwohl sich eine gewisse Traurigkeit in seine Augen geschlichen hatte. Ich folgte seinem Blick und wunderte mich über sein Vorhaben.
„Hier willst du mir etwas zeigen? Im Kinderkrankenhaus?“ Jonathan wandte sich mir zu, nahm auch meine zweite Hand in seine und schaute mir tief in die Augen.
„Ja, genau hier. Sieh mal, wie groß dieses Gebäude ist. Da drin liegen zahlreiche kranke Kinder, einige von ihnen unheilbar krank. Eltern sitzen traurig und verzweifelt an ihren Betten und ringen um das Leben ihres größten Glücks. Einige warten auf ein Wunder, obwohl sie wissen, dass es nicht eintreffen wird. Andere hoffen darauf, bald wieder nach Hause gehen zu dürfen oder warten darauf, dass ihr Kind endlich wieder lacht und springt. Die Kinder haben Angst und sind oft dennoch mutiger als ihre Eltern. Sie kämpfen, obwohl sie längst keine Kraft mehr haben und sind so unglaublich tapfer.“ Jonathan hielt inne, während ich schwer schluckte. Wie recht er doch hatte. Es gab schon immer viel Leid in dieser Welt, doch nichts ist schlimmer, als das eigene Kind leiden zu sehen. Jonathan fuhr fort.
„Aber wir … wir sind hier. Draußen, gesund und frei. Frei von allen Sorgen. Und wir haben uns. Wir können uns glücklich schätzen, denn wir können sorgenfrei lieben.“ Der letzte Satz verschlug mir den Atem. Jonathan hatte tatsächlich von Liebe gesprochen! Oh, wie sehr mein Herz hüpfte vor Freude.
„Ich liebe dich, Erin. Ich wünsche mir ein sorgenfreies Leben mit mir.“ Noch bevor ich etwas erwidern konnte, küsste er mich. Ganz vorsichtig, als müsse er erst um Erlaubnis bitten, als wolle er ganz sichergehen, dass ich mich ihm nicht entziehen würde.
Und ich erwiderte den Kuss mit all meiner Liebe, die ich in diesem Moment für Jonathan empfand. Es war mein allererster Kuss und ich hatte keine Ahnung, wie das Ganze funktionierte, ob ich gut darin war oder schlecht, und es war mir auch völlig gleichgültig. Ich hatte erkannt, dass ich lieben konnte, und das war alles, was zählte. Jonathan hatte mich von da an in eine neue Welt entführt, aus der ich nie wieder fort wollte. Ich wollte für immer mit ihm dortbleiben, ihn halten und küssen und all seine Liebe und Wärme spüren. In jenem Augenblick wusste ich noch nicht, dass mir eines Abends plötzlich eiskalt werden würde …
Ein frischer Windhauch holt mich aus meiner Vergangenheit zurück. Der Tee in meiner Tasse ist bereits kalt geworden und auch die Decke spendet nicht mehr ausreichend Wärme. Die Wellen tanzen im Leuchten des Mondes, als ich mich endlich aufraffe und ins Haus gehe. Erst jetzt bemerke ich, wie kalt es draußen sein muss, denn im Haus ist es mollig warm. Es ist schon spät, und da ich mich morgen früh gleich an das Kleid meiner neuen Kundin machen will, lege ich mich mit einem guten Buch ins Bett. Ein paar Seiten sollten reichen, um mich recht bald in den Schlaf zu befördern, den ich nach einem solchen Tag dringend nötig habe. Doch meine Konzentration reicht nicht aus. Nachdem ich mehrmals versuche, die Zeilen nicht nur zu sehen, sondern auch zu verstehen, gebe ich auf. Die Wärme meines Bettes lässt meine Erinnerungen an damals wiederaufleben. Es fühlt sich fast so an, als läge ich wieder in Jonathans Armen. So viele Jahre sind vergangen, doch das Gefühl ist noch immer zum Greifen nah. Ich wünschte, Jonathan wäre es auch. Doch statt an ihm, halte ich mich an meinen Erinnerungen fest, ehe ich endlich einschlafe.



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