Donnerstag, 4. Mai 2017

Leseprobe von Nicole Beisel zu ihrem Buch "Eines Nachts in Paris"



Hallo ihr Lieben.
Heute darf ich euch zwei meiner Romane vorstellen. Beide Werke wurden in den letzten Monaten im Masou-Verlag veröffentlicht.

In meiner ersten Leseprobe geht es um ein Kapitel aus meinem Roman "Eines Nachts in Paris"; erzählt aus der Sicht von Jerome, der von Sophie durch seine Geschichte begleitet wird. Das Ebook sowie das Taschenbuch findet ihr u. a. hier:
https://www.amazon.de/…/dp/B01M13CPWC/ref=pd_rhf_gw_p_img_5…

Schweißgebadet wache ich nach nur wenigen Stunden Schlaf auf. Mein Herz rast und ich bekomme nur schwer Luft. Ein kleiner Sonnenstrahl holt mich in die Wirklichkeit zurück und bringt mich vor meinem bösen Traum in Sicherheit. Ich hatte schon lange keine so unruhige Nacht mehr, habe schon lange nicht mehr davon geträumt. Heute ist mein freier Tag, also beschließe ich, aufzustehen und mich vielleicht später noch einmal hinzulegen. Ich zwinge mich, von dem Traum Abstand zu nehmen und rufe mir Sophies Gesicht wieder vor Augen. Hoffentlich beschließt sie nicht schon heute im Café vorbei zu schauen. Ich habe ihr gar nicht gesagt, wann Ruhetag ist. Noch während ich mir einen Kaffee koche und mich auf den Balkon setze, lässt mich diese Möglichkeit nicht mehr los, sodass ich beschließe, zumindest für die nächtlichen Stunden ins Café zu gehen, die Tür verschlossen für andere Gäste, damit ich Sophie hereinlassen kann, sollte sie doch dort auftauchen.
Das ist verrückt, ich weiß, schließlich stehen meine Öffnungszeiten auf dem Schild und die Wahrscheinlichkeit, dass sie mich ausgerechnet heute bewusst aufsucht, ist auch nicht sonderlich groß, aber es ist nicht ganz ausgeschlossen. Sollte sie vor verschlossenen Türen stehen, könnte sie zwar jederzeit erneut vorbeikommen, aber ich möchte vermeiden, dass sie es sich doch noch anderes überlegt und die verschlossene Tür als Zeichen des Schicksals sieht.
Aus der Ferne höre ich Musik, und erneut schweifen meine Gedanken augenblicklich wieder zu diesem verrückten Traum, von dem ich endlich dachte, ihn verjagt zu haben. Ich kenne das Lied, das meinen Traum begleitet hat, in- und auswendig. Dabei wollte ich es nie wieder hören. Ich habe eine Vermutung, weshalb der Traum wieder zurückgekehrt ist, und diese Vermutung hat tatsächlich mit Sophie zu tun. Ist das etwa der Preis, den ich zahlen muss, wenn ich sie weiterhin sehen und mich mit ihr unterhalten, sie kennenlernen will, trotz allem, was war, was ich getan habe? Bin ich bereit, dieses Leiden in Kauf zu nehmen ohne zu wissen, wohin mich die ganze Sache führen wird? Ich kenne Sophie gar nicht. Ich weiß ihren Namen und ihren Beruf, weiß, wo sie arbeitet und dass sie gerne heiße – oder kalte – Schokolade trinkt, aber mehr auch nicht. Vielleicht hat sie einen Partner oder eine Familie, einen Mann vielleicht. Ich weiß nicht, ob sie einen Ehering trägt, aber selbst ein leerer Finger hätte nichts zu bedeuten. Ich weiß auch gar nicht, warum mich diese Frau so interessiert und warum ich ihr so sehr hinterhereifere. Das Einzige, was ich weiß, ist, dass ich es tun muss. Ich spüre eine besondere Verbindung zu ihr und bin mir sicher, dass sie irgendetwas beschäftigt – so wie es mich lange Zeit beschäftigt hat und es scheinbar immer noch tut. Ich muss nur herausfinden, was es ist, vielleicht kann ich ihr dann helfen, ihr Lächeln wiederzufinden.
Entschlossen schüttle ich beides ab, sowohl die Gedanken an Sophie als auch die Wiederholung meines Albtraums, und mache mich fertig für den Großeinkauf. Papa wird wie immer darauf warten, dass ich ihn abhole, so kann ich ihm mit seinen Einkäufen behilflich sein und er hilft mir beim Schleppen der vielen Getränke. Dafür, dass er schon so viel durchmachen musste, ist er noch sehr gut in Schuss, was zu einem Teil vielleicht auch an seinem wöchentlichen Tennistraining liegt. Dass ich ihn jeden Mittwoch um dieselbe Zeit abhole, ist zu einer stummen Regel geworden, die lediglich durch einen kurzen Anruf gebrochen wird. So wie heute.
„Hallo, Papa. Wie geht es dir?“
„Hallo, mein Junge. Sehr gut, danke. Heute also nicht wie immer?“ Sein fröhliches Lachen lässt mich sämtliche Sorgen schnell vergessen.
„Nicht ganz. Ich bin schon fertig, konnte nicht mehr schlafen. Könnten wir heute etwas früher zum Einkaufen fahren? Ich könnte in einer halben Stunde bei dir sein.“ Eigentlich brauche ich nur 20 Minuten bis zu ihm, aber tagsüber ist der Verkehr in Paris sehr dicht.
„Klar, kein Problem. Bis gleich.“
„Bis gleich, Papa.“ Schön, so dürfte meine Tagesplanung trotz der kleinen Verschiebung keine Probleme bereiten. Einkaufen, Essen, Papierkram erledigen, eine weitere Runde schlafen und mich langsam ins Café begeben und auf Sophie warten, in der Hoffnung, dass sie meine Einladung nicht als plumpen Anmachversuch sieht.
Mein Vater kommt schon aus der Tür, noch bevor ich richtig angehalten habe. Es ist immer wieder schön, mein Elternhaus zu sehen, aber ich habe es schon länger nicht mehr für einen längeren Besuch betreten. Zu viele Erinnerungen hängen an den Wänden der Räume. Fotos meiner Mutter, Erinnerungsstücke aus der Vergangenheit eines Menschen, der ich seit vielen Jahren nicht mehr bin und der ich auch nie wieder sein will. Mein Vater weiß das und zwingt mich nicht, ihn zu besuchen. Ich helfe ihm lediglich die Einkäufe ins Haus zu tragen, um dann schnell wieder zu verschwinden.
„Hallo, Jerome.“ Er kommt auf mich zu und drückt mich kurz, wie immer, bevor er einsteigt und sich dafür bedankt, dass ich ihm die Autotür aufgehalten habe.
„Hallo, Papa.“ Auch ich steige wieder ein und fahre los. Und wie immer plappert Papa einfach drauf los.
„Ich soll dir liebe Grüße von Tante Isobel ausrichten. Sie wird bald 70 und wollte dich fragen, ob sie die Feier in deinem Café abhalten könnte. Du weißt, sie würde dich gut dafür bezahlen.“
„Das kann sie gerne tun. Warum ruft sie mich nicht einfach an?“ Papa seufzt.
„Ach, du weißt doch. Sie will dir nicht zur Last fallen oder dich wecken, wenn du gerade schläfst und bei der Arbeit will sie dich auch nicht stören.“ Ich halte das für eine Ausrede. Mamans Schwester hält sich mit ihrer familiären Präsenz sehr zurück, seit Maman gestorben ist. Ihr Mann ist ebenfalls seit vielen Jahren tot, und ich frage mich, ob ihr verhältnismäßig enger Kontakt zu Vater irgendeinen bestimmten Grund hat.
„Ich werde mich bei ihr melden.“ Eine Feier würde zwar bedeuten, dass ich das Café für einen Abend schließen muss, aber die Miete, die Tante Isobel mir hierfür zahlen würde, macht den verlorenen Gewinn eines Abends wieder wett.
Ich spüre Papas Blick von der Seite, richte meinen eigenen jedoch starr geradeaus. Trotzdem bleibt er hartnäckig.
„Wieder dieser Albtraum?“ Verdutzt schaue ich kurz zu ihm, ehe ich mich wieder auf den Verkehr konzentriere.
„Was?“ Papa lacht leise.
„Du sagtest, du konntest nicht mehr schlafen. Ich dachte, das Ganze wäre mittlerweile erledigt?“ Ein langgezogener Seufzer entweicht mir ungefragt. Papa weiß um das, was ich durchgemacht habe und wie sehr ich damit zu kämpfen hatte, ehe ich wieder einen normalen Alltag führen konnte.
„Scheinbar nicht.“ Ich setze den Blinker nach links und fahre aus Paris raus in den Nachbarort, wo sich der Großmarkt befindet. In etwa zehn Minuten bin ich hoffentlich von diesem Gespräch erlöst.
„Gibt es einen bestimmten Auslöser dafür? Etwas, das du gesehen oder gehört hast, du weißt schon …?“ Ich weiß sehr gut, was er meint, und ich weiß auch, dass er mit seiner Vermutung falsch liegt. Ich glaube, dass Sophie der Grund für die Rückkehr des Albtraums sein könnte, aber da ich selbst kaum etwas über sie weiß, möchte ich meinem Vater nicht unbedingt von dieser fremden Frau erzählen. Er würde mich sowieso nur für verrückt erklären.
„Keine Ahnung. Vielleicht Stress.“
„Ach, Sohn. Ich sagte doch, du brauchst dringend mal richtigen Urlaub.“ Ach, das schon wieder. Urlaub ist jetzt das Letzte, was ich gebrauchen kann. Vielmehr muss ich gerade jetzt hierbleiben, damit ich Sophie öfter begegnen und sie vielleicht nach und nach besser kennenlernen kann. Aus irgendeinem Grund ist sie traurig und ich würde ihr gerne helfen, ihre Traurigkeit abzulegen. Denn ich selbst weiß nur zu gut, wie es ist, in dieser Melancholie und Tristesse gefangen zu sein.
„Ich kann mir keinen Urlaub nehmen, das weißt du doch“, versuche ich auszuweichen. Und erneut wiederholt mein Vater sich.
„Aber ich habe dir doch versprochen, dich im Laden zu unterstützen. Tante Isobel hilft sicher auch mit. Sie liebt das Café.“ Komisch, dass ich davon noch nicht viel bemerkt habe. Würde sie es lieben, wie sie sagt, würde sie doch sicher öfter vorbeikommen.
„Mal schauen.“
Endlich kommen wir auf dem Parkplatz an, wo ich mir einen großen Wagen schnappe und die leeren Flaschen einlade. Der Einkauf ist trotz der großen Mengen schnell erledigt. Planung ist das halbe Leben, sagte Maman immer, und ich versuche mich daran zu halten, so gut es geht.
Die Rückfahrt verläuft deutlich ruhiger als die Hinfahrt. Papa hat wohl verstanden, dass er das schwierige Thema ruhen lassen soll, vor allem, weil er weiß, dass ich gleich wieder dieses Haus betreten muss, das mich an zu viel Schlimmes erinnert. Ich kann verstehen, dass er sich seine Erinnerungsstücke behält und ich verlange auch nicht, dass er nur wegen mir alles ändert, aber es sind schon allein die Räume und die Gedanken an die Zeiten, die ich hier verbracht habe, als es mir so schlecht ging und ich nicht mehr ein noch aus wusste, die die Furcht in mir wecken.
Wie immer beiße ich die Zähne zusammen, konzentriere mich nur auf die vollen Taschen und die schweren Getränkekisten und ignoriere die restliche Umgebung, bis ich mich vor der Haustür wieder von Vater verabschiede.
„Danke, Jerome. Mach’s gut. Melde dich bei Isobel. Und ruh‘ dich mal aus! Lass dich von dem alten Mist nicht kaputtmachen, hörst du?“ Aufmunternd klopft er mir auf die Schulter.
„Ich versuch’s. Au revoir, Papa.“
Ich bin froh, als ich wieder im Auto sitze und das Haus hinter mir lassen kann. Das Fahrzeug gibt mir Sicherheit in diesem Augenblick, in dem ich mich so unsicher fühle wie schon lange nicht mehr. Das Radio ist aus, ganz bewusst. Ich habe es an jenem Abend ausgeschaltet und seitdem nie wieder etwas an diesem Zustand verändert. Erleichterung macht sich breit, als ich am Café ankomme und die Einkäufe auslade und an ihren Plätzen verstaue. Ich halte mich nicht lange im Café auf, schließlich will ich noch etwas Energie tanken für heute Nacht. Eilig fahre ich endlich nach Hause, esse eine Kleinigkeit und lege mich hin, voller Hoffnung auf einen ruhigen Schlaf und auf ein mögliches Wiedersehen mit Sophie.



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