Donnerstag, 4. Mai 2017

Leseprobe von Karin Koenicke zu ihrem Buch "Der Mann aus dem Koffer"



Huhu! Auch ich darf eine Leseprobe posten, danke dafür!
Meine Pflanzenliebhaberin Melissa geht mit Patrick spazieren, dem "Mann aus dem Koffer". Sie hatte vorher seinen Lederkoffer ersteigert und ihn ausfindig gemacht.
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Sie gingen weiter, vorbei an Hecken und künstlerisch zurechtgeschnittenen Buchsbäumen in allen möglichen Formen. Natürlich bewunderte Patrick die ausgefeilten Werke. Melissa behielt für sich, dass sie so etwas albern fand. Ein Baum war ein Naturgewächs und keine Knetmasse, aus der man Männchen formte oder Schwäne oder sonstigen Unsinn. Für sie lag die Schönheit in einer frisch aufkeimenden Knospe oder dem mächtigen, uralten Stamm einer Korkeiche, nicht in lächerlichen Drahtgestellen, in die man einen Buchsbaum zwängte, damit er am Ende aussah wie eine Schildkröte statt wie ein Baum.
Nun ja, sie wusste schließlich schon, dass Patrick eher auf Künstlichkeit abfuhr. Auf Prada-Frauen mit Brillanten, während ein wenig Erde an den Händen ihn anekelte. Es war gut, das zu spüren, denn dann ...
Melissa fuhr zusammen. Sie hatte während der letzten Minute nur auf den Kiesweg geschaut und nicht darauf geachtet, wo sie hingingen. Nun jedoch strömte ein Duft auf sie ein, der sie wie ein unsichtbarer Mantel aus purer Magie umfing und tief in sie eindrang. Sie legte den Kopf in den Nacken, um zu sehen, worunter sie standen. Dabei wusste sie es längst.
Wie von einem Künstler gemalt, thronten sie auf den Ästen, die weißen Blüten der Magnolie. Anmutige Blütenblätter in reinstem Weiß entwuchsen jeder Knospe, am unteren Ende durchzogen von feinsten Linien in Purpur, wie von einem Maler mit einem Pinsel eingefärbt. Aber noch eindrucksvoller als der Anblick dieser Schönheiten war der Duft, den sie verströmten. Die Magnolie roch wie der Frühling selbst, frisch wie der Morgentau im Gras an einem sonnigen Tag, elegant wie junge Blüten, die aus den Knospen entwuchsen, zitronig-süß, als vereinten sich Honig und Limonen in einem Kuss.
„Sie riecht wie du“, hörte Melissa eine weiche Stimme sagen und stellte dann mit Erschrecken fest, dass es ihre eigene war.
Patrick kam einen halben Schritt näher, sein Duft vermischte sich mit dem der Magnolie, ließ Melissas Hände zittern. „Wie ich?“, fragte er, schenkte den prächtigen Blüten aber nicht die geringste Aufmerksamkeit, sondern suchte nur ihren Blick.
„Ja, wie dein Aftershave. Es hat mich von Anfang an den Duft von Magnolien erinnert, schon als ich es ...“, sie stockte, „... beim ersten Mal in der Bank gerochen habe“, ergänzte sie schnell. Um ein Haar hätte sie die Sache mit dem Koffer verraten, so sehr verwirrte sie die Mischung aus diesem herrlichen Duft und Patricks Nähe.
„Magst du es?“
Sie schluckte, um nicht sofort laut „Ja, sehr, es hat mich völlig umgehauen!“ auszurufen.



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