Mittwoch, 3. Mai 2017

Leseprobe von Judith Soul: Ti-Paal (erscheint im Mai)



Und jetzt kommt die zweite Leseprobe von meinem Werk, das noch in Arbeit ist und irgendwann im Mai erscheinen wird. Der Klappentext seht noch nicht hunderprozentig und der Text ist noch roh ;)
Eine Welt jenseits unserer Vorstellungskraft
Kann wahre Liebe die Grenze des Seins überwinden?
Ich hatte einen großen Fehler gemacht und deshalb war meine Heimat in Gefahr. Mir war klar, ich hatte Strafe verdient. Aber anstatt des Todesurteils wurde ich auf einen fremden Planeten geschickt und sollte ein seltsames Wesen mit heilenden Kräften finden. Und als ich sie fand, veränderte sich mein Leben grundlegend und ich lernte eine neue Seite der Liebe kennen.
Diese Geschichte ist gewürzt mit mystischen Liebesszenen, sie bringt euch zum Schmunzeln, zum Weinen und zum Nachdenken.
Hier die Leseprobe:)
Kapitel 1
Elyno
Der feuchtwarme Wind, der über Ti-paals Hügel wehte, zerrte an meinen Haaren. Ich blinzelte hoch, die rote Scheibe am Himmel tauchte die schroffen Felsen in ein magisches Licht.
Erschöpft kletterte ich über die scharfkantigen Steine hinunter und schürfte mir fast meine bloßen Füße auf. Es war drückend heiß und ich suchte Schatten und Abkühlung. In einem kleinen Wald plätscherte klares Wasser durch ein flaches Flussbett, ein paar welke Blätter trieben auf der Wasseroberfläche. Die Sonnenstrahlen brachen durch das Blätterdach und zeichneten bizarre Muster auf das Blättermeer. Der Waldboden war mit trockenen Blättern übersät, es raschelte ungewohnt, als ich darüber lief. Ich blickte durch das lichte Blätterdach und die Tatsache, dass ich unsere Lichtbringerin von hier aus ungehindert sehen konnte, machte mir große Sorgen. Seit mein Lebenslicht leuchtete, war so etwas noch nie passiert und auch unsere Ahnen hatten darüber nichts erzählt.
Ein Blatt des Merribaumes trudelte mir entgegen. Es landete lautlos in meiner offenen Hand, um den dicken Stamm herum lagen heruntergefallene Früchte. Das Nass des Lebens benetzte immer seltener Ti-paals Boden. Ti-paal war wie eine Mutter, die uns beschützte und nährte. Sie schenkte uns das Lebenslicht und wenn die Zeit gekommen war, löschte sie es wieder. Aber jetzt war unsere Schöpferin krank, todkrank und nur ich trug die Schuld daran. Behutsam legte ich meine Hand auf den Boden und glaubte ihr Klagen zu hören. Ihr Schmerz drang tief in meine Sinne und ich erinnerte mich an das Ereignis, das alles zerstörte.
Vor sehr vielen Traumzeiten wollte ich die süßen Früchte des Merribaumes pflücken, als plötzlich vor mir die Luft flimmerte und ein fremdartiges Wesen direkt vor meinen Augen erschien. Es war größer wie ich, sein Körperbau ähnelte meinen und unter seiner weißen Haut blitzten rote Haare hervor. Es hatte mich nicht bemerkt und als ich ihm folgte, fragte ich mich, ob das Wesen von Ti-paal geschickt worden war.
Die weiße Gestalt kletterte auf einen der heiligen Berge und stieg in den Eingang, der direkt ins Herz unserer Lebensspenderin führte. So leise wie möglich schlich ich hinterher und sah mit Entsetzen, dass dieses Wesen rote kugelförmige Steine von den Ästen der Ti-paal Pilze pflückte. Es war bei Strafe verboten, die Toona-Steine ohne Not zu ernten. Jeder Paale bekam zur Geburt einen dieser roten Kugeln, sie hielt ihn am Leben und man durfte sie nicht verlieren. Wenn man krank oder verletzt war und die Kugeln eine Weile im Mund behielt, wurde man geheilt. Ich trug meinen Toona in einem Beutel um den Hals, den ich aus der Haut des Einauges gemacht hatte.
Seit einigen Traumzeiten war ich auf der Suche nach dem Wesen mit der weißen Haut und den roten Haaren. Ich wollte es um Verzeihung bitten, weil ich es verletzt hatte. Als es ein paar Toonas in seiner weißen Haut verstaut hatte, erschienen ein paar geflügelte Ma-pi und wollten sie davon abhalten, aber ihre Stacheln konnten nicht durch ihre Haut dringen. Ich überlegte nicht lange und schleuderte meine Waffe auf sie.
Die scharfe Schneide meines Tillas traf auf ihren Arm, mit einen knurrenden Laut packte das Wesen meine Waffe und warf sie auf den Boden. Dann sah es mich mit Augen an, die wie Feuersteine glühten. Ich konnte sein hässliches Gesicht kurz sehen, dann wurde sein Körper auf einmal durchsichtig und es verschwand wie ein Geist. Aber sein roter Lebenssaft war auf Ti-paals Haut getropft und hatte unsere Lebensspenderin vergiftet.
Ich hatte große Schuld auf mich geladen und ich war feige, weil ich es den anderen verschwiegen hatte. Wala, der Allwissende, aß nichts mehr, er wollte sich Ti-paal opfern, aber sie wurde immer kränker und ich konnte nichts dagegen tun.
Ein leises Sirren riss mich aus meinen Gedanken, verwundert beobachtete ich, wie ein Mi-Pa auf mich zuflog. Ich hielt meine offene Hand hin und das Mi-Pa landete sanft darauf. Warum war es hier? Es verließ niemals Ti-paals Bauch, diese filigranen Wesen mit den violetten Flügeln und dem dünnen Körper waren Ti-paals Kinder. Wollte Ti-paal mir etwas sagen, mich bestrafen? Ich hatte es verdient, wegen meinem Fehler würden wir alle sterben.
Ergeben wartete ich, dass Ma-pi ihren Stachel in mich versenken würde und ich wäre erlöst. Aber es sendete mir nur ein Bild in meine Sinne, ich sollte mich mit allen Stammesführern und Wala auf dem heiligen Berg versammeln. Ich hatte verstanden und Ma-pi flog wieder weg. Ti-paal wollte mich bestimmt auf dem heiligen Berg vor den Augen aller opfern und das war gut so. Ich war ein unwürdiger Stammesführer und würde die Todesstrafe ohne Klagen annehmen.
Nachdenklich hockte ich mich an das Ufer des Baches und blickte den treibenden Blättern nach. Ich würde bald tot sein und darauf freute ich mich auf einmal, weil ich feige war und eine Schande für meinen Stamm.
Ein leises Rascheln ließ mich aufblicken, übler Geruch wehte zu mir. Alarmiert schnellte ich hoch und während ich mich suchend umblickte, holte ich mein Tilla aus meinem Umhänge-Beutel heraus. Die Wurfwaffe griffbereit in der Hand beobachtete ich das gegenüberliegende Ufer. Der beißende Gestank eines der gefährlichsten Wesen wurde immer stärker, es musste ganz in der Nähe sein. Und tatsächlich lugte zwischen zwei dicken Baumstämmen ein überdimensionales Auge hervor, das zwischen zwei spitzen Ohren saß.
Das Einauge hatte mich entdeckt!
Mit einem seiner mächtigen Hinterbeine stampfte es auf den Boden und riss das riesige Maul drohend auf. Zum Fliehen war es zu spät, diese Wesen sahen zwar plump aus, aber sie waren unheimlich schnell. Ich sollte es hassen, es hatte Nirri, meine geliebte Gefährtin, getötet. Seit Ti-paal krank war, kamen die sonst scheuen Einauge den Siedlungen sehr nahe. Nirri wollte am Fluss Wasser holen und wurde dort von einem Einauge angegriffen. Ihr Lebenssaft sprudelte aus ihrem Hals und selbst Wala konnte sie nicht retten. Unwillkürlich musste ich an Nepelle denken, unser geliebtes Kind. Nach meinem Tod würde sie alleine sein, obwohl mein Bruder sich liebevoll um sie kümmern würde. Meine Erzeuger lebten weit weg, wenn ein Paale erwachsen war, musste er sich einen neuen Stamm suchen.
Das Einauge schnaubte, ätzender Speichel troff von seinen nadelspitzen Zähnen. Angespannt beobachtete ich seine scharfen Krallen, die sich in den weichen Boden drückten. Die ausgeprägten Muskeln seiner Oberschenkel zuckten leicht, das tiefe Knurren aus seiner Kehle ließ mir einen Schauer über den Rücken rieseln. Es duckte sich und spannte seine mächtigen Beinmuskeln an, die Hornplatten auf seinem Rücken rieben sich aneinander. Das zirpende Geräusch zerrte an meinen Nerven, ich starrte in seine schwarzen Pupillen, in denen dunkelrote Punkte aufblitzten, das sichere Zeichen zum Angriff.
»Ti-paal ist mit mir…«, murmelte ich, das Einauge gab wieder ein tiefes Grollen von sich, das den Boden unter meinen bloßen Füßen erzittern ließ. Sein großes Auge, blinzelte kurz, es duckte sich zum Sprung und ich schleuderte blitzschnell mein Tilla.
Die gebogene Waffe sirrte durch die Luft, das hässliche Knirschen, als die scharfe Kante sein Auge spaltete tat mir in der Seele weh. Sein mächtiger Körper bäumte sich mit einem klagenden Laut auf. Ich schleuderte noch zwei Tillas, die tief in die Knochen seines Schädels drangen. Dunkelrotes Blut spritzte auf den Boden und versickerte zwischen den Steinen des Ufers. Der gallertartige Inhalt seines Auges floss wie der dicke Saft des Toxelbusches über seine Schuppen. Das erblindete und schwerverletzte Einauge versuchte mit seinem dicken Schwanz das Gleichgewicht zu halten. Es ruderte mit den kurzen Vorderbeinen, kippte langsam auf die Seite und als es auf den Boden traf, glich es einem Erdbeben. Seine Krallen zuckten hilflos, ich kniete mich hin und wartete auf das Glücksgefühl des Jägers, aber es kam nichts, wie schon unzählige Male davor. Wie betäubt zog ich meine drei Tillas aus dem sterbenden Einauge und legte meine Hand auf seinen Körper. »Ich übergebe dich Ti-paal. Verzeihe mir, Einauge«, murmelte ich, als sein Atem das letzte Mal aus ihm herausfloss.
Mit meinem Tilla schnitt ich ein großes Stück Fleisch aus seinem mächtigen Oberschenkel. Das Fleisch eines Wumbu wäre mir lieber gewesen, aber sie waren immer schwerer zu finden. Diese Pflanzenfresser fanden durch die Dürre nicht mehr viel Nahrung, außerdem hatten sie viele andere Fressfeinde. Also verstaute ich das zähe Fleisch des Einauges in meinen Umhänge-Beutel, zurzeit konnten wir nicht wählerisch sein. Ich holte tief Luft und entließ ein paar schrille Schreie aus meiner Kehle. Gleich darauf hörte ich die Antwort meines Goona. Mit leichten Schritten kam es auf mich zu, ich streichelte über sein weiches Fell und es gab ein tiefes Grunzen von sich.
»Bring mich nach Hause«, flüsterte ich in das flauschige Ohr des Goona, es grunzte sanft und ließ sich vor mir nieder. Es war mindestens zweimal so hoch wie ich und so konnte ich ohne Anstrengung auf seinen Rücken klettern. Ich wühlte meine Finger in sein Fell und hielt mich fest, als das hochbeinige Tier lostrappte. Der Wind wehte meine langen Haare aus dem Gesicht und ich ließ meinen Blick über Ti-paals Ebene schweifen. Mein Herz wurde schwer, bei dem Gedanken, dass dies mein letzter Ritt auf meinem Goona sein würde. Es gab immer wieder grunzende Laute von sich, es merkte wohl, dass ich traurig war. Wir ritten über einen Hügel, von weitem konnte ich meine Siedlung sehen. Aber ich lenkte das Goona in Richtung unserem heiligen Berg, auf dem wir uns versammelten und unsere Feste und Rituale abhielten. Jeder Stamm hatte so einen Versammlungsplatz bei dem man durch ein Loch im Felsen in Ti-paals Bauch klettern konnte.
In das Herz und den unendlichen Raum unserer Schöpferin.
Ti-paals Körper und Geist zog sich über den gesamten Planeten. Sie war mit unseren Seelen verankert. Wir konnten ohne sie nicht existieren und sie konnte ohne uns nicht leben. Wenn das Lebenslicht von einem Paale erloschen war, wurde sein Körper in Ti-paals Wasser des Lebens gelegt. Sie nahm ihn wieder auf und am Ufer erschien dann ein verästeltes Gebilde, Ti-paals Pilz, auf dem dann rote Toonas wuchsen.
Ich stieg von meinem Goona, das mit einem Grunzen davontrappte. Die rote Lichtbringerin sendete ihre warmen Strahlen auf mich, während ich die Rufhölzer aus meinem Umhänge-Beutel holte. An einem langen Seil waren flache, ovale Hölzer befestigt, die ich mit Schwung durch die Luft sirren ließ. Die Ymi-Scheiben erzeugten tiefe und hohe Töne, die über ganz Ti-paal wehten und die anderen Stammesführer zusammenriefen. Nach einer Weile tönten die Antworten der Stammesführer zurück und ich würde mein Schicksal annehmen.
Als ich wieder zurückritt, sammelte ich für Nepelle einige bunte Steine, die überall verstreut auf dem kargen Boden lagen. Die Kleine liebte es mit den durchsichtigen Steinen zu spielen. Mein Goona trug mich durch meine Siedlung, einige Paale winkten mir freundlich zu und ich winkte zurück. Wenn sie wüssten, was ich getan hatte, dann würden sie mich sofort in das Wasser des Lebens werfen.
»Dada…!«
Nepelle rannte aus der Türe meiner Rundhütte, wedelte mit beiden Armen und hüpfte freudig auf und ab. Ich kletterte von dem Goona runter, hob sie kurz hoch und sie rieb ihr Näschen zur Begrüßung an meine Wange. »Dada, was hast du mitgebracht?«
Ich holte mein Geschenk aus meiner Umhängetasche. Erwartungsfroh hob sie ihren Schurz am Saum hoch und ich ließ die bunten Steine in die Stofffalte fallen. »Oh, die sind schön. Danke, Dada«, sagte sie und hielt einen der Steine gegen das Licht. Er funkelte tiefgrün und sie betrachtete ihn glücklich lächelnd.
»Elyno? Hast du etwas erlegen können?«, rief Talja aus der Hütte.
Talja war Nirris Schwester, sie kümmerte sich rührend um Nepelle und um mich. Sie hatte keine Kinder, ihr Gefährte war auf der Jagd umgekommen und wir lebten jetzt zusammen. Ich war ein Mann und ihr fehlte auch die körperliche Befriedigung. Nach Nirris Tod wurde ich förmlich von den ungebundenen Frauen überrannt. Ich entschied mich für Talja, wir hatten das gleiche Schicksal und unsere Verluste noch nicht verkraftet. Wenn unsere Seelen zueinander gefunden hätten, dann würden wir zu Ti-paal gehen und uns im unendlichen Raum vereinen.
»Ich habe ein Einauge erlegt«, erwiderte ich und sie nickte nur, sie war enttäuscht, weil ein Wumbu besser gewesen wäre. Aber es würde kein nächstes Mal geben und wie sollte ich Nepelle und Talja meine bevorstehende Bestrafung erklären?
»Was hast du, Elyno? Du bist so still«, fragte Talja, während das Fleisch des Einauges auf dem Feuer brutzelte und unsere Rundhütte mit einem leckeren Duft ausfüllte. Nepelle hatte die bunten Steine auf dem Boden zu einem Kreis drapiert, sie tippte nacheinander auf die Steine und summte eine Melodie.
»Ich bin nur müde«, beantwortete ich Taljas Frage und schloss die Augen, ich dachte an Nirri und wie wir uns nähergekommen waren.



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