Freitag, 5. Mai 2017

Leseprobe von Ira Ebner und ihrem Buch "Cold Brittania"



Nachdem ich vor ein paar Tagen mein "Cold Britannia" vorgestellt habe, bekommt ihr zum Start ins Wochenende eine Leseprobe daraus. (Hoffe, es klappt auch mit dem Link darunter).

Die erste Maiwoche verging. Hester zerschnitt Tageszeitungen, klebte Artikel in ihren Ordner und schrieb darunter, was sie dachte. Sie kam jeden Morgen in den Welfare Club und wünschte James einen besonders guten Morgen.
Kann ich? Will ich? Soll ich?
Sie brachte ihm den Kaffee und lachte über seine launige Bemerkung. Plötzlich fehlten ihr die Worte. Zuvor war es selbstverständlich gewesen, dass sie ihn ansah. Sie wurde rot, als Archer und Scarfold kamen, um mit ihm zu sprechen. Darüber, dass in Nottinghamshire die Forderungen nach Recht auf Arbeit lauter wurden und sich ein Arbeiterkomitee in Mansfield gründete. Auch diese Artikel begann Hester zu sammeln.
Unter dem Fenster, drüben bei der Zeche, das gleiche Spiel wie jeden Tag. Die Scab-Busse blieben vor der Menge stehen. Die Pickets und die Frauen blockierten die vollen Laster. Hinter vergitterten Scheiben saßen Polizisten am Steuer.
Hester ging zur Versammlung des Frauenkomitees.
James steckte den Umschlag ein und zog die Tür zu. Er bemerkte, dass Hester an ihrem Platz saß und nachrechnete, was sie an Streikgeld ausgezahlt hatte.
„Ich dachte, du wärst nach Hause gegangen“, sagte er überrascht.
Sie erwiderte kopfschüttelnd: „Nein. Ich muss noch die Kasse prüfen. Wie du weißt, erledige ich meine Aufgaben lieber am selben Tag.“
„Geh jetzt nach Hause, oder …“, sagte er.
Hester verstaute ihr Buch in der Schublade und kam auf ihn zu. Sie stand vor ihm.
„Die WAPC planen für morgen eine Sitzblockade vor der Umbrage“, sagte sie verlegen.
„Pass auf dich auf“, sagte er.
Er schloss seine Arme um sie.
Kann ich? Will ich? Soll ich?
Ihre Hände lagen auf seinen Schultern, seine Lippen auf ihren. James fasste sich wieder, ließ sie los und holte tief Luft. Er strich ihr über die Haare, über die Stirn und sagte: „Du scheinst mir wirklich unerschrocken. Damals. Du vor der Zeche. Als du mir mein Tuch zurückgegeben hattest, wusste ich, dass ich dich irgendwann küssen würde.“
Hester hörte die Sekunden auf seiner Uhr ticken. Seine Hand lag an ihrem Ohr. Der Geschmack ihres Lippenstifts haftete auf seinem Mund.
„Komm“, bat er.
Sie folgte seinem Wort. Unten stieg sie in seinen Wagen.
„Es gibt etwas Wichtiges, was du wissen sollst“, sagte er, holte den Umschlag heraus und gab ihn ihr. „Das hier. Im Club kann ich nicht darüber sprechen, weil wir unter Beobachtung sind. Du weißt, wen ich damit meine. Ich traue Marc nicht.“
„Was hat das Ganze auf sich, Jim?“, fragte sie.
Sie blickte auf den Umschlag. Den hatte vorhin der Bote gebracht. Er lag unruhig zwischen ihren Fingern. Ihre Gedanken verursachten Chaos in ihrem Kopf.
„Lass uns aus Sherthorpe rausfahren“, sagte er.
Noch leuchtete das letzte Tageslicht, bevor sich die Dämmerung über Sherthorpes Türmen ausbreitete. James ließ den Ort hinter sich und steuerte auf die Landstraße zu. Aus den Wiesen stieg Dunst auf. Er berührte ihren Schenkel. In der Ferne strahlten die Lichter der Vororte Nottin-ghams. Orangene Straßenlampen, neonweiße Hauslichter. Hester ver-suchte, zu erraten, wohin sie sein Weg führte. Und wohin das Ganze führte. Er nahm nicht die Straße nach Nottingham, sondern fuhr weiter nach Norden. Sie las die Namen der einzelnen Ortschaften auf den Schildern.
„Wohin fahren wir eigentlich?“, fragte sie.
„Wart ab“, antwortete James.
An einer Kreuzung bog er links ab und fuhr durch ein Dorf. Über den Kreisverkehr die Hauptstraße entlang bis zu einer Farm. Die Straße verwandelte sich in eine Schotterpiste. Weidezäune liefen an Hesters Fenster vorbei. Im Zwielicht zwischen Abend und Nacht schimmerten die Stein-mauern weiß. Auf einer Anhöhe stand ein Wald. James hielt an und löste den Gurt.
„Mach den Umschlag auf“, sagte er und knipste das Innenlicht an. „Das sind die neuen Codes. Wir behalten sie für uns.“
Hester las neue Worte, Sätze, die belanglos klangen. Sie merkte sie sich, indem sie ein Bild aus ihrem Gedächtnis abrief. Sie steckte das Blatt in den Umschlag zurück und reichte ihn James. Er nahm ihn an sich und stieg aus. Der kühle Wind aus dem Wald wehte ihm durch die Haare. Er öffnete Hester die Tür. Sie sah zu den schwarzen Wipfeln der Eichen, die sich dem Himmel entgegenstreckten. Unten lag das Dorf und dahinter warf Nottingham sein Neonlicht in die Nacht. Über ihr funkelte der Abendstern, und er leuchtete gegen die immerzu helle Stadt an. Die Welt könnte so friedlich sein. Sie spürte die frische Nachtluft und fröstel-te in ihrer dünnen Bluse. James ging einige Schritte voraus, zur Kuppe der Anhöhe, und wartete, dass sie mitkam.
„Gefällt es dir hier?“, fragte er und zog sie zu sich heran.
„Ja“, antwortete sie.
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