Freitag, 28. April 2017

Interview mit Paul-Christian Mühfeld

 

Heute habe ich die Ehre, und dass meine ich wirklich ehrlich, euch das Interview von Paul-Christian Mühfeld einzustellen. Es ist etwas länger geworden was aber sehr wichtig war, da Paul eine Botschaft für uns alle hat. Bitte lest es euch durch. Danke Paul für das tolle Interview

 

M: Hallo, Schön dass Du uns ein Interview gibst

Magst Du Dich unseren Lesern kurz vorstellen?

Ich heiße Paul-Christian Mühlfeld und bin mittlerweile 16 Jahre alt. Seit meiner Geburt lebe ich bei meinen Großeltern, hier im wunderschönen Chiemgau, die mir den Halt geben, den ich im täglichen Leben brauche, denn ich bin Asperger Autist. Sie gehen mit mir durch alle Höhen und Tiefen und auch ihnen habe ich es zu verdanken, dass ich mittlerweile ein ganz normaler junger Mann bin. Ich mag sie sehr gern.

 

Wie bist Du zum Schreiben gekommen, und wie ist es zur Veröffentlichung Deines ersten Buches gekommen?

Da man meinen Autismus erst im Alter von 14 Jahren entdeckt hat, habe ich einen langen und leidvollen Schulweg hinter mir. Irgendwann passte ich nicht mehr ins Regelschulsystem und wurde schulunfähig geschrieben. Eine alternative Beschulung gab es für mich nicht, jedenfalls bot man mir keine an. Nur der Hartnäckigkeit meiner Eltern habe ich es zu verdanken, dass ich seit Mai 2015 an der web. Individualschule in Bochum lerne. Hier werde ich über das Internet 1: 1 beschult und während man mir im Regelschulsystem nicht einmal mehr den Hauptschulabschluss zutraute, heißt meine Zielstellung mittlerweile Abitur. Mein Lehrer hat von Beginn an meine Kreativität erkannt. Eine Kreativität für die ich in den anderen Schulen belächelt wurde. Er mochte meine Geschichten und meine Bildbeschreibungen. Ihm war es nicht zu blumig, wie es die anderen Lehrer immer genannt haben. Er hat mich aufgefordert einmal größer zu denken, nicht bei den Geschichten hängen zu bleiben, sondern auch einmal ein Buch zu schreiben. Da hatte er meinen Ehrgeiz geweckt. Innerhalb kurzer Zeit schuf ich die Charaktere Tim, Lara und Florian. Und die Abenteuer, die diese drei Kinder erlebten, spiegelten sich in meiner „Bermuda Bande“ wieder. Meine Eltern veröffentlichten mein Buch über den BOD Verlag und finanzierten es selbst. Sie waren, genau wie ich, stolz auf mein Werk. Aber auch Frau Samel vom MASOU Verlag hat das Buch gelesen und mir angeboten, auch weitere Bücher zu veröffentlichen. Dass mich das gereizt hat, brauche ich wohl nicht zu betonen. Der MASOU-Verlag fing noch einmal mit Band 1 an und weitere Bände werden folgen. Ich bin froh, so eine Chance bekommen zu haben.

Dennoch ist und bleibt die Finanzierung meiner Beschulung ungeklärt, was immer noch ein Problem ist. Das zuständige Jugendamt will diese Kosten einfach nicht übernehmen. Jetzt findet bald das Klageverfahren statt und wir hoffen, dass dann dieses Problem geklärt ist.

 

Hast du beim Schreiben auch bestimmte Rituale? Orte, feste Zeiten oder irgendwas?

Bestimmte Rituale habe ich nicht. Meine Mutter behauptet allerdings, dass ich schreibe, wo ich gehe und stehe. Und tatsächlich liegen im ganzen Haus Stifte und Notizblöcke, damit ich jeden Einfall notieren und später verwenden kann. Eine Macke habe ich allerdings doch: Ich schreibe nie nur an einem Buch. Meist sprudeln in meinem Kopf so viele Ideen, dass ich die nicht in einem Buch unterbekomme, sondern meist zwei oder auch drei gleichzeitig schreibe. Je nach dem wo es besser läuft, geht es dann weiter. Und wenn ich die Idee für ein nächstes Buch habe, dann fange ich auch das an. Und dann habe ich noch einen Spleen, den man als Ritual bezeichnen kann, ich spreche nie, worüber ich schreibe, erst, wenn das Buch nahezu fertig ist.

 

Weißt Du noch, wovon Deine ersten Schreibversuche handelten?

Angefangen habe ich mit Gedichten. Gedichte, in denen ich versucht habe, meine Gefühle auszudrücken. Später, wenn die Sehnsucht nach Freunden groß war, habe ich mir immer wildfremde Menschen ausgesucht und die beschrieben. Die waren dann natürlich immer genau so, wie ich sie mir wünschen würde. Wahrscheinlich die Einzigen, mit denen ich als Freunde auch zurechtkommen würde. Gedichte schreibe ich auch jetzt noch ab und zu, traue mich aber noch nicht, mit denen an die Öffentlichkeit zu gehen.

 

Welcher war der verrückteste/komischste Ort, an dem Du je geschrieben hat?

Der bisher komischste Ort, war mit Abstand die Toilette unserer Schwimmhalle. Hier hatte ich ein sehr einprägsames Erlebnis. Eine Mutter stand mit ihrem ca. 10-jährigen Jungen an der Treppe des Schwimmbeckens und wollte ihn überreden reinzugehen. Jeder konnte sehen, dass der Junge Angst hat und freiwillig nicht ins Wasser gehen würde. Seine Haltung, sein Verhalten, seine Art, die Mutter anzuschauen, erinnert mich an mich selbst. Auch ich kann mit Druck nicht umgehen. Und diese Frau, die sich seine Mutter schimpfte, drängte ihn, demütigte und beleidigten ihn. Er sei zu feige, zu doof und unfähig zu schwimmen und ziemlich laut fragte sie immer wieder, warum gerade sie so ein feiges Kind hat. Man müsse sich ja für ihn schämen. Dem Jungen liefen die Tränen und er tat mir leid. Langsam bin ich auf ihn zu geschwommen und habe mich dann neben ihn gestellt. Ganz leise habe ich zu ihm gesagt: Ich weiß, du hast Angst. Angst vor dem Wasser, vor den Fliesen im Boden, vor den Fugen, die du nicht erkennst, vor den Abflüssen, selbst vor dem Licht im Wasser und vor dem Sprudel. Erstaunt hat der mich angeschaut und mir zugehört. Als ich ihm dann gesagt habe, dass ich diese Angst kenne und ich die auch habe, hat er mich angelächelt. Leise hat er mich dann gefragt, wieso ich es doch ins Wasser geschafft habe. Ich habe geantwortet, dass das Schwimmen und das Wasser mir diese Angst nehmen, weil es so befreit und so schön ist und weil ich Spaß habe. Auch, dass ich mich überwinden kann, macht Spaß. Ich habe ihm meine Hand gereicht und wir sind Schritt für Schritt gemeinsam ins Wasser gegangen. Und als die Mutter mit offenem Mund uns nachschaute, habe ich mich am allermeisten gefreut. Ob sie an dem Tag etwas verstanden hat, weiß ich nicht. Der Junge hat aber gelernt, dass man sich überwinden kann und dass auch ein Miteinander Spaß macht. Ich war wieder einmal dankbar, dass ich ohne diese Zwänge und ohne Druck aufwachsen durfte. Anschließend habe ich mich in der Toilette eingeschlossen und dieses Erlebnis sofort aufgeschrieben. Irgendwann wird man es in einem meiner Bücher wiederfinden.

 

Inwiefern hat sich Dein Leben verändert, seitdem du Autor/in bist?

Bei mir hat sich sehr viel verändert. Ich bin freier, sicherer und selbstbewusster geworden. Und durch das Schreiben konnte ich mich zum Teil auch therapieren. Viele meiner Traumata konnte ich verarbeiten, weil ich sie aufschreiben und noch einmal erleben konnte. In kleinen Schritten, die ich mir zutraute und die ich aushalten konnte. Ich lernte so, meine Diagnose anzunehmen und mich damit anzufreunden. Heute komme ich gut damit zurecht.

 

Könntest Du Dir auch vorstellen, mal in einem anderen Genre zu schreiben? Und in welchem würde man Dich auf keinen Fall entdecken können?

Außer einem Krimi könnte ich mir alles vorstellen und habe auch alles schon einmal versucht. Gerade beschäftige ich mich mit Magie, mit weißen und schwarzen Hexen und mit einer Liebesgeschichte, in der Hexenkunst eine Rolle spielt. Geschichte aus dem Reich der Fantasie gefallen mir auch gut. Krimis sind mir zu streng strukturiert, da muss man die Spannung so lange halten. Das traue ich mir nicht zu.

 

Hattest Du Einfluss auf das Cover?

Ja, großen Einfluss. Ich hatte Vorstellungen von meinen Helden und genauso haben die dann auch ausgesehen. Ihr Charakter sollte sich in ihrem Aussehen wiederspiegeln und das ist der Illustratorin sehr gut gelungen. Der erste Versuch musste nur ein klein wenig nachgebessert werden, aber das war schon Meckern auf höchstem Niveau. Eigentlich fand ich nur, dass der Hund Coffee meinem Peppo nicht ähnelt, aber muss er das denn?

 

Welche Wünsche hast Du in Bezug auf Deine Bücher und Deine Arbeit für die kommenden Jahre?

Ich hoffe, dass ich weiter so kreativ bin, dass meine Ideen weiter so aus mir heraussprudeln und dass meine Bermuda Bande noch viele Bände bekommt. Die Helden sollen sich, genau wie ich, entwickeln, älter werden und die Qualität der Abenteuer eine ganz andere, als jetzt. Ich wünsche mir allerdings auch, dass ich eine Lanze für Asperger Autismus brechen kann, dass man sich mit diesem Gendeffekt in der Öffentlichkeit auseinandersetzt und begreift, dass wir Aspis nur anders fühlen und die Welt anders wahrnehmen, aber ansonsten ganz normale Menschen sind, die das Leben halt in ihrem eigenen Tempo bewältigen. Und ich wünsche mir, dass ich irgendwann einmal die Kraft habe, meine Bücher auch in Lesungen vorzustellen, denn ein gutes Buch muss auch verkauft werden. Nur wenn es vielen Leuten zugänglich wird, weiß man, ob man viele Leute erreichen kann. Und das möchte ich.

 

Was meinst Du, wie viel von Dir selbst steckt in Deinen Protagonisten?

In meine Protagonisten stecke ich zu 100 %. Sie erleben das, was ich erlebt habe oder gerne erleben würde. Ab dem dritten Band gibt es einen neuen Helden, den Antony. Dessen Geschichte ist die meine und gerade dieser Band hat mich emotional weitergebracht und mir geholfen meine Situation anzunehmen. Und die anderen Helden sind genauso, wie ich mir Freunde vorstelle, Freuende, mit denen ich gut zurechtkommen würde.

 

Was würdest Du tun, wenn Dich eine Deiner Protagonisten plötzlich besuchen kommt?

Dass wäre dann für mich so, als wenn sich ein Traum erfüllt. Diese Helden haben Charaktere, die mir gefallen. Die sind ehrlich und direkt, die verstehen, sich auf andere einzustellen und nehmen den so, wie er ist. Bei denen muss man sich nicht verstellen und nicht anpassen. Käme so einer zu mir nach Hause. Dann käme ein Freund zu einem Freund. Und das wäre das Beste, was passieren könnte.

 

Was sind Deine Hobbys?

Neben dem Schreiben lese ich auch sehr gern. Dann liebe ich Lego und hier vor allem Lego Technik und Ninjago. Bin aber gern auch selbst kreativ und baue selbst nach von mir erdachten Bauanleitungen. Außerdem liebe ich meinen Hund Peppo und verbringe sehr viel Zeit mit ihm. Und zum Ärger meiner Mutter liebe ich auch meine WIIU, mein Nintendo und alles, was mit Minecraft zusammenhängt.

 

Hast Du ein Lieblingstier?

Ich liebe meinen Hund Peppo über alles, aber auch meine Therapiepferde und hier vor allem Ronja.

 

Wenn Du ein Tier sein könntest welches?

Ich glaube, dass ich am liebsten ein Pferd wäre. Die sind geduldig, verständnisvoll, nehmen Rücksicht und sind immer ruhig, nie aggressiv Wenn ich auf dem Pferd sitze spüre ich das Vertrauen und die Verbindung zwischen ihm und mir und ich kann nirgendwo so gut loslassen, wie beim Reiten.

 

Hast Du ein Lieblingsbuch oder einen Lieblingsautor?

Ich mag alles, was an ein Lexikon erinnert, aber auch Gregs Tagebücher. Und ich liebe die Bücher von Cornelia Funke und hier besonders Tintenblut.

 

Was ist Dein Lieblingsessen?

Da brauche ich nicht lange überlegen: Wiener Schnitzel mit Pommes und dann kommt gleich Pizza.

 

Würdest Du uns Deine Werke vorstellen?

Mein absolutes Baby ist die Bermuda Bande. Band 1- Verschollen in der Traumwelt ist bereits erschienen. Band 2-Schrecklich, schöne Ferien soll in diesem Jahr erscheinen und Band 3 und 4 sind auch schon fertig. Schauen wir mal, wann die veröffentlicht werden und ob.

Dann habe ich einen Ratgeber für Asperger Autisten beschrieben, der an meinem eigenen langen Weg von der Diagnose bis zur Anerkennung zeigt, welche Höhen und Tiefen die Wege durch den deutschen Behördendschungel man durchschreiten muss, wie schwierig es ist die passende Schule zu finden, aber auch, was man tun kann, um sich mit dieser Diagnose anzufreunden und wo man Hilfe und Unterstützung findet. Dieser Ratgeber soll auch bald veröffentlicht werden.

Mein neuestes Projekt heißt „nachts im LEGOland“. Hier konnte ich meine Liebe zum LEGOland und zu Ninjago miteinander verbinden. Nachts werden einige der Figuren im LEGOland lebendig und nicht allen gefällt, was dort den ganzen Tag passiert. Zum Glück holen sich diese Figuren Hilfe, Hilfe bei mir. Mal sehen, ob das Buch meinem Verlag gefällt.

Und da ich ja immer mehrere Büche auf einmal schreibe, sind auch schon Band 5 und 6 von der Bermuda Bande in Arbeit, genauso wie ein Buch über die Kraft der Magie. Über Glauben und Aberglauben. Aber das sind alles noch ungelegte Eier.

Ich hoffe, ich konnte Eure Fragen beantworten und habe mich sehr gefreut Euch Rede und Antwort stehen zu dürfen.

Euer Paul-Christian



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